Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 365 · Folio VIII
ILL. № 365
GESCH
Plate — Mackinders Herzland

Mackinders Herzland

Wer das Innere Eurasiens beherrscht, beherrscht die Welt — eine These von 1904, die bis heute die NATO prägt.
Der Beitrag

1904 trat der britische Geograf Halford Mackinder vor die Royal Geographical Society und hielt einen Vortrag mit dem Titel Der geographische Drehpunkt der Geschichte. Seine Behauptung: Das Innere der eurasischen Landmasse — grob die Steppe von Osteuropa über Zentralasien bis in die Mongolei, außer Reichweite jeder Flotte — sei der strategische Kern der Weltpolitik. Fünfzehn Jahre später, mit den Friedensschließern von Versailles im Blick, presste er die These in Democratic Ideals and Reality (1919) in ihre berühmte Fassung: „Wer Osteuropa beherrscht, beherrscht das Herzland; wer das Herzland beherrscht, beherrscht die Weltinsel; wer die Weltinsel beherrscht, beherrscht die Welt.“ Der Dreiklang klang großspurig, und die Zeitgenossen zuckten überwiegend mit den Schultern. Er wurde trotzdem zu einem der folgenreichsten geopolitischen Gedanken des zwanzigsten Jahrhunderts.

Mackinders Behauptung war, die Seemacht — seit dem sechzehnten Jahrhundert die beherrschende Größe der Weltpolitik, seit der Überseehandel die Insel Großbritannien reicher machte als jeden Rivalen auf dem Festland — werde durch kontinentale Verkehrswege verdrängt, allen voran die Eisenbahn, die Heere und Güter schneller durch das Innere bewegte, als Schiffe die Küste umrunden konnten. Wer dieses Innere hält, verfügt über seine Rohstoffe, seine Menschen und eine geografische Tiefe, an die keine Blockade heranreicht — und kann sich dann nach außen wenden und den maritimen Rand überrennen. Die These prägte für ein Jahrhundert die angloamerikanische Großstrategie. Beide Weltkriege waren auch Versuche, Deutschland daran zu hindern, das Herzland zu ordnen; Mackinders Ausgabe von 1919 deutete Versailles ausdrücklich als Kampf um das osteuropäische Tor und warnte, eine deutsch-russische Verbindung dürfe niemals zustande kommen. Die Eindämmungsdoktrin des Kalten Krieges war dieselbe Lesart, versetzt: die Sowjetunion in ihrer Landstellung festhalten und ihr den Küstenbogen der Welt verwehren. Auch die NATO-Osterweiterung nach 1991 lässt sich durch diese Linse lesen: Das Bündnis nahm frühere Staaten des Warschauer Pakts und die baltischen Republiken auf, während Moskau die Bewegung als Einkreisung deutete. Der russische Überfall auf die Ukraine 2022 ist die jüngste Folge derselben Auseinandersetzung, ausgetragen um eben die osteuropäischen Grenzländer, um die sich sein Drehpunkt dreht: wer sie hält und zu welchen Bedingungen.

Warum jetztChinas Neue Seidenstraße — Bahn- und Pipelinekorridore über Land von China durch Zentralasien nach Europa — lässt sich als das ehrgeizigste Herzland-Projekt seit Mackinders Zeiten lesen: Sie macht aus dem Inneren eine Schlagader statt einer Schranke. Die strategische Partnerschaft zwischen Russland und China, im Februar 2022 als eine „ohne Grenzen“ verkündet, ist jene Art Herzland-Koalition, vor der Mackinders Logik warnt: Zwei große Landmächte legen ihre Mittel jenseits der unmittelbaren Reichweite maritimer Bündnisse zusammen. Ob der Westen verhindern kann, dass sich ein eurasischer Landblock verfestigt — und ob ein solcher Block, klamm und unter aller Rhetorik voller wechselseitigem Misstrauen, überhaupt zusammenhält —, ist die zentrale geografische Frage der heutigen Großmachtkonkurrenz.