Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 212 · Folio VIII
ILL. № 212
GESCH
Plate — Locke, Hume, Kant

Locke, Hume, Kant

Hundert Jahre lang stritt Europa darüber, was ein Mensch überhaupt wissen darf — und wer darüber befindet.
Der Beitrag

Hundert Jahre lang stritt Europa darüber, was ein Mensch wissen darf — in Büchern, in Salons, in Briefen, von England und Schottland über Frankreich und Deutschland bis in die Niederlande. Über dem philosophischen Kern dieses Streits stehen drei Namen. John Locke hielt 1690 fest, der Verstand komme als unbeschriebenes Blatt zur Welt; beschrieben werde er allein von der Erfahrung. David Hume trieb diesen Empirismus 1739 an seine skeptische Grenze: Aus der Beobachtung lassen sich Ursache und Wirkung nicht ableiten, sondern nur die Gewohnheit, das eine auf das andere folgen zu sehen. Immanuel Kant, nach eigenem Bekunden von Hume aus dem „dogmatischen Schlummer“ geweckt, entgegnete 1781, den Empiristen sei etwas entgangen: Der Verstand bringe seine eigene Ordnung — Raum, Zeit, Kausalität — in die Erfahrung mit ein. Nur darum gibt es synthetische Urteile a priori, und nur darum funktionieren Mathematik und Physik überhaupt.

Zusammengenommen liefen diese drei Schritte auf die Säkularisierung des europäischen Denkens hinaus. Stammt Wissen aus Erfahrung und Vernunft, kann keine religiöse Autorität mehr über Aussagen zur Natur befinden; die Offenbarung sinkt vom Beweis zur Meinung. Ruht politische Legitimität auf der Zustimmung der Regierten — so Locke in der Zweiten Abhandlung über die Regierung, geschrieben im Streit um den Ausschluss des katholischen Thronfolgers und erst 1689 zur Rechtfertigung der Revolution veröffentlicht —, ist dem Gottesgnadentum der Boden entzogen; Jefferson schrieb Lockes Sätze 1776 beinahe wörtlich ab. Und ist Moral eine Sache der praktischen Vernunft und nicht des offenbarten Gebots — Kants kategorischer Imperativ: „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ —, dann lässt sich über Ethik auch über Konfessionsgrenzen hinweg streiten, was einem Kontinent, dem der Dreißigjährige Krieg noch im Gedächtnis saß, dringend nötig war. Jeder dieser Schritte machte die Moderne philosophisch erst möglich. Entscheidend ist aber das Muster darunter: Das sind keine drei verträglichen, aneinandergeschraubten Lehren, sondern eine Kette von Widerlegungen. Humes Skepsis widerlegt Locke, Kants kopernikanische Wende widerlegt Hume, und die deutschen Idealisten von Fichte bis Hegel nahmen dann Kant auseinander. Die Aufklärung hat ihre Fundamente also von Anlage her selbstkritisch gebaut — darin liegt ihre Größe, und darin liegt ihre Anfälligkeit. Nachdem sie Aristoteles als die zwei Jahrtausende lang unbefragte Autorität abgesetzt hatte, ließ sie eine Baustelle zurück, die seither nie wieder geschlossen wurde. Vererbt hat sie deshalb kein Bekenntnis, sondern ein Verfahren: Jede Autorität muss sich ausweisen, auch die der Vernunft. Diese dauernde Ruhelosigkeit, nicht irgendein festes Ergebnis, ist das eigentliche Erbe.

Warum jetztFast jeder heutige Streit über Wahrheit, Autorität, Sachverstand, Meinungsfreiheit, Rücksicht auf religiöse Überzeugungen und Menschenrechte läuft über die Übereinkünfte dieser drei zurück — und über das, was sie offen ließen. Die gegenwärtige Krise der Deutungsautorität — was gilt als wahr, wer entscheidet das, und aus welchem Grund — ist zum Teil eine Aufklärung, deren Schwung sich erschöpft hat, ohne dass eine Nachfolgerin in Sicht wäre. Wer verlangt, man müsse „den Fakten folgen“, und gleichzeitig den Einrichtungen misstraut, die diese Fakten beglaubigen, steckt mitten in Humes unbeantworteter Frage: Wie soll Beobachtung allein je das Vertrauen tragen, das wir in sie legen? Dieselbe Unsicherheit speist die Debatten über algorithmische Vorauswahl, über wissenschaftlichen Konsens und über die Frage, wer als sachverständig gilt. Drei Jahrhunderte später ist die Baustelle offen, und wir streiten weiter in Kants Begriffen darüber, was ein Verstand zu wissen beanspruchen darf.