Im Jahr 1413 stellte der Florentiner Architekt Filippo Brunelleschi eine kleine bemalte Tafel in den Domeingang, bohrte ein Schauloch durch die Rückseite und hielt einen Spiegel auf Armeslänge davor. Wer durch das Loch sah, erblickte im Spiegel das gemalte Baptisterium — und konnte, indem er den Spiegel absenkte, sich überzeugen, dass gemaltes Bild und reales Bauwerk geometrisch identisch waren. Die Vorführung dauerte Minuten. Die Folgen dauerten ein halbes Jahrtausend. Die Zentralperspektive — ein präzises mathematisches Verfahren, dreidimensionalen Raum auf eine zweidimensionale Fläche zu projizieren — war erfunden, und die westliche Malerei sah nie wieder aus wie zuvor.
Die Zentralperspektive ruht auf einer einzigen geometrischen Beobachtung: parallele Linien im dreidimensionalen Raum laufen scheinbar auf einen Fluchtpunkt der Bildebene zu. Brunelleschis Zeitgenosse Leon Battista Alberti hielt das Verfahren 1435 im Traktat Della Pittura fest und gab Schritt für Schritt vor, wie sich ein Ein-Punkt-Perspektivraster konstruieren lässt: man zieht eine Horizontlinie, setzt darauf einen Fluchtpunkt, führt von den Bildrändern Orthogonalen zu diesem Punkt — und die fluchtenden Bodenfliesen, Decken und Architekturlinien fügen sich geometrisch stimmig ein. Die Zwei-Punkt-Perspektive (zwei Fluchtpunkte am Horizont, für schräg gesehene Objekte) und die Drei-Punkt-Perspektive (ein dritter Fluchtpunkt darüber oder darunter, für extreme Auf- oder Untersichten) bauen darauf auf. Mathematisch handelt es sich um projektive Geometrie — die Lehre von Eigenschaften, die unter Projektion von einem Standpunkt auf eine Ebene erhalten bleiben —, formal axiomatisiert allerdings erst durch Desargues im siebzehnten Jahrhundert. Die Luftperspektive (Leonardos Beitrag): ferne Dinge wirken blauer, blasser und unschärfer, weil die Luft dazwischen kurzwelliges Licht streut — ein Prinzip, das physikalisch nichts anderes als physikalische Optik ist und die Rayleigh-Streuung um vierhundert Jahre vorwegnimmt. So wurde räumlicher Illusionismus möglich, wie es ihn nie zuvor gegeben hatte: Masaccios Trinità (1427), Piero della Francescas Geißelung (~1455), Raffaels Schule von Athen (1509–11) stellen Figuren in mathematisch stimmige Architekturräume. Trompe-l'œil-Deckenmalereien — Andrea Pozzos Apotheose des heiligen Ignatius (1685) — trieben den Kniff so weit, dass feste Decken sich in unendliche Himmel zu öffnen schienen. Die moderne Malerei (ab 1880) brach diesen Vertrag mit Absicht: Cézannes flächige Gleichzeitigkeiten (Mont Sainte-Victoire), die mehrfachen Blickpunkte des Kubismus (Picassos Les Demoiselles d'Avignon), die Flächigkeit des Abstrakten Expressionismus (Pollocks Convergence) — jeder Schritt war zum Teil eine Aufkündigung von Brunelleschis Vertrag.
Die Computergrafik verwirklicht die Zentralperspektive als Projektionsmatrix in jeder 3D-Rendering-Pipeline; jedes Videospiel, jeder Animationsfilm, jedes CAD-Programm und jedes AR-Headset rechnet millionenfach pro Sekunde Perspektivtransformationen durch. Architekturvisualisierung, virtuelle Produktion (die LED-Wände hinter The Mandalorian), VR und AR leben alle von perspektivischer Darstellung in Echtzeit. Die Photogrammetrie — die Rekonstruktion von 3D-Modellen aus 2D-Fotos — läuft die Perspektive rückwärts und holt Kamerapositionen und Szenengeometrie aus den projektiven Bedingungen zurück. Die KI-Bildgenerierung (Diffusionsmodelle) musste Perspektive an Beispielen lernen; frühe Modelle waren berüchtigt für ihre perspektivisch zerbrochenen Bilder, die heutigen kriegen die Grundfälle hin, scheitern aber bei Architekturinnenräumen noch immer im Detail. Der kleine geometrische Kniff, den Brunelleschi am Domeingang ausgetüftelt hat, ist heute die herrschende visuelle Konvention menschengemachter Bilder — und das Verfahren hinter nahezu jedem Bildschirm, auf den irgendwer schaut.