Grenzwerte
- The ε–δ challenge-and-response definitionnoch nicht geprüft
- From infinitesimals to Weierstrass rigornoch nicht geprüft
- Approaching infinity and long-run behaviornoch nicht geprüft
- Continuity, derivatives, and integrals as limitsnoch nicht geprüft
Als Newton und Leibniz in den 1660er und 1680er Jahren die Infinitesimalrechnung schufen, stützten sie sich auf einen Begriff, den es streng genommen gar nicht gab: Infinitesimale — Größen, kleiner als jede positive Zahl und doch nicht null. Sie lieferten die richtigen Ergebnisse und den Philosophen ein Ärgernis. Bischof George Berkeley verspottete sie 1734 als „*Geister entschwundener Größen*“ — und sein Spott traf, denn er war berechtigt: Was ein Infinitesimal eigentlich sein sollte, konnte niemand präzise sagen. Die Reparatur brauchte anderthalb Jahrhunderte. Cauchy in den 1820ern, Bolzano und zuletzt Karl Weierstraß in den 1850ern setzten an die Stelle des Gespensts eine Disziplin: die Epsilon-Delta-Definition des Grenzwerts. Von da an war die Analysis zum ersten Mal ein Fach, in dem sich jeder einzelne Schritt nachprüfen ließ.
Der Gedanke: Eine Funktion ƒ hat für x gegen a den Grenzwert L, wenn es zu jedem noch so kleinen positiven ε ein positives δ gibt, sodass aus 0 < |x − a| < δ stets |ƒ(x) − L| < ε folgt. In Prosa: Wie nahe die Ausgabe an L liegen soll, bestimmst du — und garantieren lässt es sich immer, sofern die Eingabe nur nahe genug an a heranrückt. Vom Infinitesimal ist nichts geblieben; geblieben ist ein Spiel aus Vorgabe und Antwort — nenne mir deine Toleranz ε, und ich nenne dir einen Spielraum δ, der sie einhält. Aus diesem einen Mechanismus entfaltet sich die gesamte Analysis. Stetigkeit an einer Stelle heißt nichts anderes, als dass Grenzwert und Funktionswert übereinstimmen: lim x→a ƒ(x) = ƒ(a). Die Ableitung ist der Grenzwert eines Differenzenquotienten: lim h→0 [ƒ(x+h) − ƒ(x)] / h. Das Integral ist der Grenzwert von Riemann-Summen bei immer feinerer Zerlegung. Unendliche Reihen konvergieren genau dann gegen eine Summe, wenn ihre Partialsummen einen Grenzwert besitzen. Die Asymptotik — Grenzwerte im Unendlichen — beschreibt Wachstum auf lange Sicht. Und dahinter steht eine einzige Beobachtung: Jeder stetige Vorgang der Mathematik ist, formal besehen, ein Grenzwert. Erst die ε–δ-Disziplin macht den Beweis zum Beweis — statt zur Geistergeschichte. Diese Strenge hat ihren Preis: Eine Vorlesung über Infinitesimalrechnung kam im 18. Jahrhundert mit Anschauung aus, während die heutige Grundvorlesung Analysis über weite Strecken darin besteht, in dem Spiel aus Vorgabe und Antwort flüssig zu werden. Der Gewinn: Alles seit 1860 ist nachprüfbar, wie es alles davor nie war.