Die lateinamerikanische Unabhängigkeit
Zwischen 1808 und 1825 wurden alle festländischen Kolonien Spaniens und Portugals in Amerika unabhängig. Der Bruch lief über einen ganzen Kontinent fast gleichzeitig ab, fünfzehn neue Staaten gingen aus den Trümmern hervor, und geführt wurde er überwiegend von den Criollos, den in Amerika geborenen Europäern: aufgewachsen mit denselben Autoren der Aufklärung wie ihre Herren in der Metropole, aber ausgeschlossen von den höchsten Ämtern, die den in Spanien und Portugal Geborenen zustanden. Die Kriege waren grausam und weiträumig. Simón Bolívar, der folgenreichste unter den Anführern, kämpfte fünfzehn Jahre lang von Venezuela bis Bolivien; José de San Martín führte ein Heer über die Anden, um Chile und Peru zu befreien. Was nach der Unabhängigkeit an Ordnungen entstand, war auf eine Weise instabil, die Lateinamerika zwei Jahrhunderte prägen sollte.
Der unmittelbare Anlass war Napoleons Einmarsch in Spanien 1808. Er setzte den Bourbonen Ferdinand VII. ab und ließ die kolonialen Eliten ohne legitime Obrigkeit zurück, der man in der Metropole hätte gehorchen können — also regierten sie sich de facto selbst, durch örtliche Juntas, die zunächst noch im Namen des gefangenen Königs zu handeln behaupteten. Die tiefere Ursache war die politische Theorie der Aufklärung, dieselben Rousseau und Locke, die auch die amerikanische und die französische Revolution gerechtfertigt hatten — nur angewandt von Criollos, die ihren Ausschluss von den vollen politischen Rechten als Kränkung empfanden und die Steuern Madrids ebenso fürchteten wie einen Sklavenaufstand nach haitianischem Muster. Als Ferdinand 1814 zurückkam und den Absolutismus wieder aufrichten wollte, wurde aus dem Verlangen nach Selbstverwaltung die offene Unabhängigkeit, und es folgte ein Zermürbungskrieg über den ganzen Kontinent. Bolívars Großkolumbien — Venezuela, Kolumbien, Ecuador und Panama — sollte die neuen Republiken nach amerikanischem Vorbild vereinen, zerfiel aber bis 1831, kaum ein Jahr nach seinem Tod: Die Geografie war zu unerbittlich, die lesekundige Bevölkerung zu dünn, die regionalen Eliten zu missgünstig untereinander. Die entscheidenden Siege — Boyacá 1819, Carabobo 1821 und schließlich Ayacucho 1824, wo Bolívars General Sucre das letzte königstreue Heer in Peru zerschlug, der Punkt, an dem die Feldzüge aus dem Norden und aus dem Süden endlich vor der letzten royalistischen Bastion des Kontinents zusammentrafen — gewannen das Feld, nicht den Frieden. „Wer einer Revolution dient, pflügt das Meer“, schrieb Bolívar gegen Ende. Die Lücke füllten der Caudillismo — Herrschaft starker Männer zu Pferde, deren Legitimität nicht auf Einrichtungen, sondern auf der persönlichen Treue bewaffneter Gefolgsleute ruhte — und das Weiterleben der kolonialen Gesellschaftsordnung unter republikanischer Oberfläche. Diese Verbindung kehrte, in wechselnder Gestalt, bis weit ins zwanzigste Jahrhundert wieder.