Die Bibliothek · WirtschaftTafel № 464 · Folio VI
ILL. № 464
ÖKON
Plate — Inflation & Geld

Inflation & Geld

Was Geld ist, wie es entsteht und warum es an Kaufkraft verliert: drei Fragen, über die sich bis heute keine zwei makroökonomischen Schulen einig sind.
Facetten
  • Money as social technology: M1, M2, M3noch nicht geprüft
  • Inflation as a sustained rise in the price levelnoch nicht geprüft
  • Core inflation, stripping out food and energynoch nicht geprüft
  • Hyperinflation and the loss of faith in a currencynoch nicht geprüft
Der Beitrag

Geld ist, anders als das Lehrbuchbild nahelegt, kein Ding. Es ist eine soziale Technik — Recheneinheit und Tauschmittel, getragen von Einrichtungen, die fast jeder täglich benutzt, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Schon was überhaupt als Geld zählt, ist strittig. M1 umfasst Bargeld und Sichteinlagen, M2 nimmt Spareinlagen und Geldmarktfonds hinzu, M3 reicht noch weiter — und im Finanzsystem nach 2008 zunehmend auch auf Schatzwechsel und andere bargeldnahe Titel, die auf den Repo-Märkten als Sicherheit dienen. Am wenigsten einleuchtend am modernen Geld ist dies: Den größten Teil davon schaffen die Geschäftsbanken. Der Kredit erzeugt die Einlage, und die Einlage ist Geld. Die Zentralbanken schaffen das Zentralbankgeld — Reserven und Bargeld —, die weiter gefasste Geldmenge steuern sie dagegen nur mittelbar, über die Zinsen und, seit 2008, über die quantitative Lockerung.

Inflation ist die Rate, mit der das allgemeine Preisniveau steigt — die Größe, an der sich jede Erklärung abarbeitet, sobald die Preise in Bewegung geraten. Die Arithmetik ist schlicht: Bei 9 % Jahresinflation, dem US-Höchstwert vom Juni 2022, kostet ein Warenkorb, für den im Vorjahr 100 $ fällig waren, nun 109 $, und ein Dollar kauft rund 8 % weniger. Das ursächliche Bild ist dagegen überbestimmt. Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit, Fiskalimpulse, Angebotsschocks, Inflationserwartungen, Lohndynamik, Abwertung der Währung, indirekte Steuern — alle wirken auf die Preise. Wer ihre Anteile an einer bestimmten Episode auseinanderrechnen will, braucht Annahmen, über die sich vernünftige Ökonomen nicht einigen; deshalb streiten über die Inflationswelle nach 2021 bis heute mehrere Schulen ohne Entscheidung. Der Grenzfall heißt Hyperinflation — Weimar 1923, Simbabwe 2008, Venezuela ab 2017: Finanziert sich ein Staat nur noch über die Notenpresse und verliert die Bevölkerung das Vertrauen in die Währung, können sich Preise im Wochenrhythmus verdoppeln. Disinflation geht den umgekehrten Weg. Die Federal Reserve unter Volcker hob die Zinsen zwischen 1979 und 1982 über 19 %, trieb die Wirtschaft in eine scharfe Rezession und brach die Lohn-Preis-Erwartungen der 1970er Jahre — zum realen Preis einer Arbeitslosigkeit, die die Politik der Epoche prägte.

Warum jetztDie großen Zentralbanken — Federal Reserve, EZB, Bank of England — geben heute ein ausdrückliches Inflationsziel aus, meist bei etwa 2 % im Jahr. Powell räumte 2022 und Bailey 2023 offen ein, dass die üblichen Prognosemodelle Ausmaß wie Dauer des Inflationsschubs nach 2021 systematisch unterschätzt hatten. Kryptowährungen — Bitcoin, Stablecoins, digitales Zentralbankgeld — stellen die Frage, was Geld eigentlich ist, noch einmal neu, und zwar auf der Ebene der technischen Geldinfrastruktur statt der Ideologie. Die konkurrierenden makroökonomischen Schulen, die erklären, warum sich die Inflation bewegt — Monetarismus, Keynesianismus, österreichische Schule, MMT, Real Business Cycle —, sind ein eigenes Thema; dieser Beitrag beschreibt die Mechanik, über die sie streiten.