Die Bibliothek · Kunst & KulturTafel № 938 · Folio IX
ILL. № 938
KUNST
Plate — Indische Klassik

Indische Klassik

Zwei parallele Traditionen, Hindustani und karnatisch, ruhen auf Raga und Tala und werden seit über einem Jahrtausend vom Meister an den Schüler weitergegeben.
Facetten
  • Raga as melodic personality, not scalenoch nicht geprüft
  • Tala: the cyclic rhythmic gridnoch nicht geprüft
  • Alap, jor, jhala and khayal vs kritinoch nicht geprüft
  • Hindustani north, Carnatic southnoch nicht geprüft
Der Beitrag

Was indische Klassik heißt, sind zwei große Traditionen aus einer Wurzel — Hindustani im Norden, karnatisch im Süden —, die sich trennten, nachdem persische und zentralasiatische Strömungen die muslimischen Höfe des mittelalterlichen Nordens erreicht hatten. Was beide zusammenhält, ist kein Bestand fester Stücke, sondern eine Art zu lernen: die Guru-Shishya-Parampara, eine Lehrbindung, in der ein Schüler jahrelang in der Praxis seines Lehrers lebt, bevor er überhaupt öffentlich auftritt. Die Musik wandert von Mensch zu Mensch, aufgeschrieben wird fast nichts. Als Ravi Shankar in den 1960er Jahren einem gebannten George Harrison die Sitar in die Hand gab, begegnete ein westliches Publikum zum ersten Mal einer Musik, für deren Prinzipien es keine Worte hatte.

Im Zentrum steht der Raga — der Begriff, für den die westliche Theorie schlicht kein Gegenstück hat. Ein Raga ist keine Tonleiter. Er kommt einer melodischen Persönlichkeit näher: eine kleine Zahl kennzeichnender Wendungen (sein Pakad), eine eigene Art zu steigen und zu fallen, eine verlangte Stimmung, oft sogar eine Bindung an eine Tageszeit oder eine Jahreszeit. Zwei Ragas können aus genau denselben Tönen bestehen und bleiben doch grundverschiedene Wesen, denn was einen Raga ausmacht, sind nicht seine Tonhöhen, sondern die Art, wie man sich durch sie bewegen muss. Ein Musiker spielt einen Raga nicht so sehr, als dass er in ihm wohnt und eine Stunde am Stück in seinem Gesetz improvisiert. Ebenso fein behandelt der Tala die Zeit: ein fester Zyklus von Schlägen — sieben, zwölf, sechzehn —, den der Hörer innerlich mitträgt, sodass jede Phrase auf den Hauptschlag des Zyklus zuzulaufen scheint. Eine Hindustani-Darbietung entfaltet das als langsame Enthüllung: ein unmetrischer Anfang, der allein den Raga auslotet, dann setzt die Trommel ein, und der Puls sammelt sich zu einem rasenden Schluss. Die Instrumente sind im Westen berühmt — vor allem die Sitar, dazu das bundlose Sarod, die Bambusflöte, das Trommelpaar der Tabla —, doch sie sind Gefäße, nicht die Sache selbst. Die Sache ist, dass alles Wertvolle hier im Spiel und in der Linie der Lehrer liegt und nie auf einem Blatt. Ein Raga ist weniger eine Komposition als eine Disziplin, weitergegeben von einem Körper an den nächsten.

Warum jetztDie Tradition ist gereist, ohne sich aufzulösen. Meister der Diaspora pflanzten sie ab den 1960er Jahren an westliche Konservatorien; die Playback-Sänger Bollywoods tragen aus Ragas abgeleitete Melodien zu Hunderten Millionen, die nie ein Konzert besuchen werden; und die Begegnung indischer Rhythmik mit dem Jazz — zuerst in Shakti, der Gruppe von John McLaughlin und Zakir Hussain — hat eine Fusion eröffnet, die bis heute weitergeht. Hussain, der meistgereiste lebende Tabla-Spieler und das globale Gesicht der Tradition, starb im Dezember 2024, und der Verlust wurde als Ende einer Ära empfunden. Die alte Lehrbindung aber besteht neben den Konservatorien fort — noch immer das Einzige an dieser Musik, das sich nie hat abkürzen lassen.
Zur VertiefungThe Raga Guide (Joep Bor, Hg., Nimbus 1999, Audio-CDs und wissenschaftlicher Begleittext). Music in India: The Classical Traditions (Bonnie C. Wade, 1979). Raga Mala: The Autobiography of Ravi Shankar (Ravi Shankar, 1997). The Life of Music in North India (Daniel M. Neuman, 1980).