Hegemonie
Hegemonie — vom griechischen hegemon, dem Anführer — ist der Zustand, in dem die Vorlieben eines einzigen Staates zu den Voreinstellungen des internationalen Systems werden. Seine Währung ist Leitwährung. Seine Sprache ist die Verkehrssprache des Handels. Seine Rechtsvorlagen geben internationalen Verträgen die Form. Seine Universitäten bilden die Eliten der Welt aus. Seine Werte wandern in die Regeln. Großbritannien 1860, als das Pfund den Welthandel finanzierte und die Royal Navy die Seewege bewachte. Die Vereinigten Staaten 1990, als der Dollar, der in Dollar abgerechnete Ölmarkt und ein Netz von Bündnissen den Globus überzogen. Beliebt sein muss ein Hegemon nicht; er muss unumgänglich sein. Seine Aufgabe ist im Wesentlichen infrastrukturell: Er betreibt die Leitungen, durch die alle anderen ihre Geschäfte schicken müssen.
Die Literatur zur Hegemonie zerfällt grob in drei Positionen. Die Theorie hegemonialer Stabilität von Charles Kindleberger und Robert Gilpin sagt, die Weltwirtschaft brauche irgendjemanden, der öffentliche Güter bereitstellt — offene Märkte, eine stabile Währung, einen Sicherheitsschirm, einen Kreditgeber letzter Instanz —, und ohne Hegemon blieben diese Güter systematisch zu knapp; Kindleberger erklärte sich die Tiefe der Depression der 1930er-Jahre damit, dass Großbritannien diese Rolle nicht mehr spielen konnte und Amerika sie noch nicht spielen wollte — die Lücke der Zwischenkriegszeit zwischen einem erschöpften alten und einem zögernden neuen Führer. Die gramscianische Lesart von Robert Cox und der Weltsystemforschung sieht Hegemonie ebenso sehr aus Zustimmung gewoben wie aus Zwang: Der Hegemon regiert über Institutionen, Ideologien und Elitennetzwerke, die freiwillige Anpassung erzeugen, sodass seine Herrschaft weniger nach Beherrschung aussieht als nach gesundem Menschenverstand. Die neorealistische Fassung, für die Mearsheimer steht, ist skeptischer: Hegemonie sei instabil, weil aufsteigende Mächte sich gegen den Hegemon zusammentun, und globale Hegemonie sei ohnehin unerreichbar — nur regionale, denn über die Ozeane bringt selbst die stärkste Macht keine entscheidende Gewalt. Der amerikanische Moment nach 1991 ist die reichste Fallstudie: drei Jahrzehnte, in denen ein einzelner Staat beispiellose militärische Übermacht besaß, dazu die führende Währung, die besten Universitäten, die reichweitenstärksten Kulturexporte und die tiefsten Finanzmärkte — und daraus doch keine stabile Steuerung genau der Fragen machen konnte, die ihm am wichtigsten waren: Klima, Weiterverbreitung von Kernwaffen, Terrorismus, Chinas Aufstieg. Eine Vormacht an Mitteln, die sich nicht in Kontrolle über Ergebnisse übersetzte: Das ist das Rätsel, an dem sich alle drei Schulen abarbeiten.