Harmonik & Akkordfolge
- Major, minor, diminished, augmented triadsnoch nicht geprüft
- Tonic, dominant, subdominant as functionnoch nicht geprüft
- Cadences and stock progressions like ii-V-Inoch nicht geprüft
- From the Tristan chord to atonalitynoch nicht geprüft
Bach, Mozart, Beethoven, Schumann, Wagner, Mahler, Gershwin, die Beatles, Stevie Wonder, dazu der Großteil heutiger Pop- und Filmmusik: Die westliche tonale Musik ist aus Akkordfolgen gebaut — aus Zusammenklängen von drei und mehr Tönen, die auf eine Tonika zulaufen oder sich von ihr entfernen. Wie diese Akkorde entstehen, wie sie zueinander stehen und wie sie sich auflösen, beschreibt die Harmonielehre. Herausgewachsen ist das System langsam aus der modalen Praxis des Mittelalters, um 1600 gewann es bei Monteverdi Kontur, 1722 brachte Jean-Philippe Rameau es im Traité de l'harmonie auf den Begriff, in Wagners Tristan und Isolde (1859) erreichte es seine äußerste chromatische Dichte, bevor Schönberg es im frühen zwanzigsten Jahrhundert teilweise in der Atonalität auflöste.
Grundbaustein ist der Dreiklang: drei Töne in Terzen übereinander — Grundton, Terz, Quinte. Durdreiklänge klingen hell und ruhen in sich, Molldreiklänge dunkler und schwermütiger, verminderte und übermäßige Dreiklänge so unruhig, dass sie nach Auflösung verlangen. Rameau zog 1722 das Prinzip heraus, an dem sich die westliche Musik seither ausrichtet: Ein Dreiklang hat in seiner Tonart eine Funktion, und Akkordfolgen hört man als Bewegung zwischen Funktionen, nicht zwischen einzelnen Tönen. Die Tonika (I) ist zu Hause, die Dominante (V) baut Spannung auf und drängt zurück, die Subdominante (IV) zieht in die Gegenrichtung. Die Kadenz, die harmonische Zeichensetzung am Phrasenende, folgt einer knappen Grammatik: V→I als stärkste, die authentische Kadenz; IV→I als weicherer Plagalschluss nach Art des „Amen“; V→vi als Trugschluss, der die Erwartung leerlaufen lässt; der Halbschluss auf V, der die Phrase offen stehen lässt wie eine Frage. Die Modulation, der Gang von einer Tonart in eine andere, ist das harmonische Gegenstück zur Handlung: fortgehen, eine benachbarte Gegend besuchen, heimkommen.
Aus dieser schmalen Grammatik zieht das System eine enorme Reichweite. Die Stufenbezeichnung erlaubt, die Funktion über Tonartwechsel hinweg zu verfolgen, und dieselbe Handvoll Folgen — das I-V-vi-IV zahlloser Pop-Songs, das ii-V-I des Jazz, das Zwölftaktschema des Blues — kehrt im populären Repertoire immer wieder. Die chromatische Harmonik erweitert den Grundvorrat um Zwischendominanten, die kurz die Schwerkraft einer fremden Tonart borgen, um entlehnte Akkorde aus der gleichnamigen Molltonart und um einen kleinen Zoo neapolitanischer und übermäßiger Sextakkorde für besondere Wirkungen. An ihre Grenze kam die Grammatik 1859 mit Wagners Tristan-Akkord, einer Eingangsdissonanz, die sich der Auflösung verweigert und über der ganzen Oper hängen bleibt; verabschiedet hat sie 1923 Schönbergs Zwölftontechnik. Überlebt hat die tonale Harmonik ihre Verabschiedung trotzdem.