Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 135 · Folio VIII
ILL. № 135
GESCH
Plate — Das Han-China

Das Han-China

Am anderen Ende der Welt regierte zur selben Zeit ein Reich von römischem Format — nur trug es sein Gewicht nicht auf den Legionen, sondern auf geprüften Beamten.
Der Beitrag

Vier Jahrhunderte lang regierte die Han-Dynastie China, von 202 v. Chr. bis 220 n. Chr., unterbrochen nur von einer kurzen Usurpation — im selben Maßstab und beinahe im selben Zeitfenster, in dem Rom das Mittelmeer beherrschte. Voneinander wussten sie, aber nur schemenhaft, und zwar über die Seide, die der Handelsroute ihren Namen gab: Römische Autoren schrieben von den Seres, dem Seidenvolk, und eine Han-Gesandtschaft unter Gan Ying gelangte 97 n. Chr. bis an den Persischen Golf, ehe man sie von der letzten Etappe nach Rom abbrachte. Begegnet sind die beiden einander nie. Zusammen aber waren sie die größten geordneten Gemeinwesen der Erde und regierten vielleicht ein Drittel aller damals lebenden Menschen — nach grundverschiedenen Vorstellungen davon, was ein Staat überhaupt ist.

Rom professionalisierte ein Heer und machte es zur tragenden Säule des Reiches; das Han-China professionalisierte eine Verwaltung und baute den Staat um sie herum. Angelegt wurde der Mechanismus unter Kaiser Wu (reg. 141–87 v. Chr.), der den Konfuzianismus zur Staatslehre erhob und eine kaiserliche Akademie stiftete, und spätere Dynastien schliffen ihn weiter: die Beamtenprüfung. Wer ein Amt wollte, musste sich in Wettbewerbsprüfungen über die konfuzianischen Klassiker behaupten, im Grundsatz gleich aus welcher Schicht; danach rotierte man durch die Provinzen, und im eigenen Heimatbezirk zu dienen war untersagt, damit sich nirgends eine örtliche Hausmacht festsetzen konnte. Das Verfahren war unvollkommen, oft käuflich, immer wieder von erblichen Sippen vereinnahmt — aber als Gedanke war ein besoldeter Staatsdienst nach Leistung eine chinesische Erfindung, an die sich der Westen erst heranwagte, als Großbritannien in den 1850er-Jahren den eigenen reformierte. Derselbe Kaiser Wu verstaatlichte Salz und Eisen, um den Haushalt zu decken, schob Garnisonen tief nach Zentralasien und öffnete die Seidenstraße; unter den Han wurden außerdem Schrift, Maße, Währung und Kalender vereinheitlicht, die eigene Geschichte in Sima Qians Shiji festgehalten und rund sechzig Millionen Untertanen in einer Volkszählung erfasst, die es mit der römischen aufnahm. Vor allem aber hinterließen sie ein Selbstbild — das Volk der Han, der Name Han, die Art der Han —, das zweitausend Jahre und etliche Eroberungen nicht haben austreiben können. Als die Dynastie an Hofeunuchen, am Aufstand der Gelben Turbane und am Zerfall in die Hände regionaler Kriegsherren zerbrach, zersplitterte China für Jahrhunderte. Die Vorlage einer Herrschaft durch geprüfte Gelehrte aber überstand jeden Nachfolger: Der Thron konnte den Besitzer wechseln, während der Apparat, der tatsächlich regierte, an Ort und Stelle blieb.

Warum jetztWenn der chinesische Parteistaat über die Reformjahrzehnte hinweg auf meritokratischer Technokratie beharrt, auf dem Aufstieg über das Gaokao und die parteiinterne Auslese, auf der langen Dauer der chinesischen Zivilisation als einem einzigen fortlaufenden Vorhaben, dann greift er ausdrücklich auf die Han-Vorlage zurück. Pekings Behauptung, China sei kein gewöhnlicher Nationalstaat, sondern eine Zivilisation mit eigener Ordnungslehre, langt über das ganze zwanzigste Jahrhundert hinweg. Der aufschlussreichste Vergleich, den China zieht, gilt keinem heutigen Rivalen — er gilt China selbst, drei Dynastien früher.