PolymathicAlle Ideen →
Geschichte & Geopolitik

Der Buchdruck mit beweglichen Lettern

Gutenberg, um 1450: zum ersten Mal konnte ein Gedanke seinen Urheber überholen.

Johannes Gutenberg war Goldschmied. Er verstand Metalle, Öle und Geduld. Um 1450 verband er in Mainz eine Weinpresse, eine ölhaltige Druckfarbe und — vor allem — gegossene bewegliche Lettern zu einer Maschine, die identische Buchexemplare etwa zweihundertmal schneller herstellen konnte als ein menschlicher Schreiber. Sein Unternehmen ging am Ende bankrott. Die Technik nicht.

Binnen fünfzig Jahren hatte jede größere europäische Stadt mindestens eine Presse. Das Buch — zuvor ein Luxusgegenstand, von Mönchen handkopiert, so teuer wie ein Pferd — wurde zu etwas, das ein lesekundiger Handwerker sich leisten konnte. Billige Flugschriften folgten. Dann Zeitungen. Dann, 1517, schlug ein deutscher Mönch namens Luther seine Thesen an eine Tür, und binnen Wochen las man sie in Paris, London, Krakau und Stockholm. Niemand musste ihn bekehren; die Presse erledigte die Überzeugungsarbeit. Die Reformation, die wissenschaftliche Revolution, die Aufklärung, der Aufstieg des volkssprachlichen Romans, die Öffentlichkeit selbst — nichts davon wäre auch nur annähernd möglich gewesen ohne den Buchdruck mit beweglichen Lettern. Autorität, die auf der Kontrolle der Texte beruhte, hielt sich noch ein Jahrhundert allein durch institutionellen Schwung und brach dann zusammen.

Warum es jetzt zählt

Jeder Umbruch seither — Radio, Fernsehen, Internet, der algorithmische Feed — ist an Gutenberg als Maßstab gemessen worden. Die Druckpresse ist die Folie, vor der wir überhaupt über neue Medien nachdenken: Die Frage lautet stets, „welche Art von Reformation löst dieses Medium aus?“

In Polymathic lesen →Den Katalog durchstöbern
Polymathic — ein kuratierter Katalog der Ideen, die es wert sind, behalten zu werden, quer durch zwölf Disziplinen. polymathic.app