Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 240 · Folio VIII
ILL. № 240
GESCH
Plate — Die deutsche Einigung

Die deutsche Einigung

Drei kurze Kriege genügten Bismarck, um achtunddreißig Staaten unter eine Fahne zu bringen — und Europa ein Strukturproblem zu verschaffen, das hinter beiden Weltkriegen stand.
Der Beitrag

Zwischen 1864 und 1871 führte Otto von Bismarck — preußischer Ministerpräsident, Konservativer, Meister der Realpolitik — drei kurze Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich und schmiedete fünfundzwanzig selbstständige deutsche Staaten zu einem Reich unter preußischer Führung zusammen. Dem preußischen Abgeordnetenhaus hatte er 1862 erklärt, die großen Fragen der Zeit würden nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse entschieden, sondern durch Eisen und Blut; er meinte es. Das Deutsche Reich, das er im Januar 1871 mit der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles ausrufen ließ — betont im eroberten Schloss der französischen Könige —, war die mächtigste Festlandsmacht, die Europa seit Napoleon gesehen hatte; schon seine Existenz brachte das europäische Gleichgewicht für die kommenden fünfundsiebzig Jahre aus der Balance.

Bismarcks Verfahren war der Krieg als Mittel der Staatsbildung, angewandt mit kalkuliertem Zynismus. Jeder Krieg war begrenzt, gewinnbar und auf eine bestimmte politische Wirkung zugeschnitten: Der Krieg gegen Dänemark 1864 verschaffte Preußen die Führung in der deutschen Frage; der binnen sieben Wochen entschiedene Krieg gegen Österreich — Königgrätz, 1866 — drängte die Habsburger aus der deutschen Politik und löste den alten Deutschen Bund auf, an dessen Stelle der von Preußen geführte Norddeutsche Bund trat, also die kleindeutsche Lösung; und der Deutsch-Französische Krieg 1870/71, ausgelöst durch die von ihm gekürzte Emser Depesche, erzeugte jenen patriotischen Schub, der die süddeutschen katholischen Staaten in ein Reich unter protestantisch-preußischer Führung trug. Dann drehte Bismarck um. Der Mann, der Deutschland im Krieg gemacht hatte, wurde zu Europas vorsichtigstem Diplomaten, erklärte das Reich für saturiert und legte ein verschachteltes Bündnissystem an — Dreikaiserbund, dann Zweibund und Dreibund —, das Frankreich isolieren und jede Koalition gegen Berlin verhindern sollte. Im Innern regierte er mit hergestellten Feinden: erst der Kulturkampf gegen die katholische Kirche, dann das Sozialistengesetz gegen die Sozialdemokratie. Gleichzeitig schuf er mit der Sozialgesetzgebung — Krankenversicherung 1883, Unfallversicherung 1884, Altersversicherung 1889 — die Anfänge des Sozialstaats, und zwar gerade um denselben Sozialdemokraten das Wasser abzugraben und die Arbeiterschaft an den Thron zu binden. Das Gefüge hing an ihm. Als der junge Kaiser Wilhelm II. ihn 1890 entließ, behielten die Nachfolger den Krieg, aber nicht die Zurückhaltung: Sie ließen den Rückversicherungsvertrag mit Russland auslaufen, begannen das Flottenwettrüsten gegen Großbritannien und riefen so genau die Einkreisung hervor, die Bismarck zwanzig Jahre lang verhindert hatte. Eine Generation später hieß das Ergebnis 1914.

Warum jetztDie deutsche Fragewas mit einem mächtigen Deutschland in der Mitte Europas anzufangen ist — war das Strukturproblem hinter zwei Weltkriegen. Die Europäische Union, in der Deutschland durchweg die größte Volkswirtschaft ist, politisch aber durch die Verflechtung mit Frankreich und den kleineren Staaten gebunden und in die NATO eingebunden ist, ist der vierte oder fünfte Versuch einer haltbaren Antwort, nachdem Versailles, die Teilung und das geteilte Deutschland des Kalten Krieges gescheitert oder ausgelaufen sind. Bisher trägt er: ein wiedervereinigtes Deutschland, das eine Union verankert, statt eine zu bedrohen, und Waren ausführt statt Heere. Man nimmt das leicht für selbstverständlich — und gerade deshalb ist es zerbrechlich.