Die Bibliothek · WirtschaftTafel № 467 · Folio VI
ILL. № 467
ÖKON
Plate — Wirtschaftswachstum

Wirtschaftswachstum

Kapital und Arbeit erklären nur einen kleinen Teil des Wachstums; den Rest buchte Solow 1956 auf eine Restgröße namens Technologie — und diese Restgröße ist der größere Teil des Ganzen.
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Facetten
  • The Solow residual is seven-eighths of growthnoch nicht geprüft
  • Capital, labour, and human capital as inputsnoch nicht geprüft
  • The over-determined causes of the Industrial Revolutionnoch nicht geprüft
Der Beitrag

Robert Solows Aufsatz A Contribution to the Theory of Economic Growth von 1956 gab der Wachstumsökonomik für fünfzig Jahre ihr Arbeitsmodell und trug ihm den Nobelpreis 1987 ein: Die Produktion hängt von Kapital und Arbeit ab, das Kapital wächst durch Sparen, die Arbeit wächst von außen vorgegeben, und die Produktion je Beschäftigten steigt nur dann, wenn die Technologie besser wird. Ein Jahr später konfrontierte er das Modell in Technical Change and the Aggregate Production Function (1957) mit den Daten: Die Kapitalbildung erklärte vom US-Produktivitätswachstum der Jahre 1909 bis 1949 nur ein Achtel; die übrigen sieben Achtel blieben als Restgröße stehen, die er technischen Fortschritt nannte. Damit war das Solow-Residuum der größere Teil des Wachstums — und sieben Jahrzehnte später ist sich das Fach noch immer nicht einig, was darin steckt.

Was die Restgröße füllt, ist zunächst eine Aussage darüber, was Kapital eben nicht vermag. Mehr Maschinen an einem Arbeitsplatz heben die Produktion, doch jede weitere trägt weniger bei als die vorige; wer immer weiter spart, nähert sich einem stationären Zustand, in dem die Investitionen nur noch ersetzen, was verschleißt, und die Produktion je Kopf nicht mehr steigt. Dauerhaftes Wachstum kann also nicht Wachstum durch Anhäufung sein — etwas außerhalb der Maschinerie muss das Verhältnis fortlaufend verschieben. Dieses Etwas ins Modell zu holen hieß zu bemerken, worin sich Ideen von Maschinen unterscheiden. Eine Drehbank bedient einen Arbeiter nach dem anderen, ein Verfahren bedient alle auf einmal. Weil Ideen nichtrival sind, wächst der Ertrag einer Entdeckung mit dem Markt, der sie übernimmt; die sinkenden Erträge, an denen das Kapital erlahmt, müssen das Wissen deshalb nicht erlahmen lassen. Wachstum kann sich dann selbst tragen — allerdings nur, wenn diejenigen, die suchen, genug vom Wert einer Idee einbehalten können, damit sich das Suchen lohnt. Genau darum stehen Patente, Forschungsförderung und schiere Marktgröße in der Wachstumstheorie in der ersten Reihe und nicht im institutionellen Kleingedruckten. Schwerer wiegt die Frage, warum dauerhaftes Wachstum ausgerechnet dort und damals begann; die Erklärungskandidaten liest man besser als Aussagen darüber, welche Schranke zuerst band, denn als Rivalen. Billige und dann noch billigere Energie. Eine Kultur, die nützliches Wissen kumulativ, veröffentlicht und prüfbar machte. Institutionen, sicher genug, dass ein Erfinder mit einem Teil des Gewinns rechnen durfte. Geografie, Böden und Krankheiten. Das Kapital und die Zwangsarbeit, die man aus kolonisierten Volkswirtschaften zog. Für jede spricht Handfestes, keine trägt allein. Das ist weniger ein Versäumnis des Fachs als eine Eigenschaft der Frage: Der Übergang geschah ein einziges Mal, auf einem Planeten, der sich nicht mit einer einzigen veränderten Größe noch einmal durchspielen lässt. Gestritten wird deshalb über die Gewichte, und diesen Streit werden keine weiteren Daten aus der Vergangenheit schlichten.

Warum jetztDie Wachstumsverlangsamung ist das zentrale empirische Rätsel des Fachs: Das Pro-Kopf-BIP der fortgeschrittenen Volkswirtschaften wächst seit 1973 langsamer als zwischen 1947 und 1973 und seit 2008 noch einmal langsamer. Als Erklärungen gehandelt werden die säkulare Stagnation (Summers' dauerhafter Überhang der Ersparnis über die Investition), eine technologische Verlangsamung (Robert Gordons Rise and Fall of American Growth, 2016), Messprobleme bei digitalen Gütern, demografischer Gegenwind und die Kosten des Energieumbaus. KI und Produktivität: Ob Sprachmodelle und KI-Agenten einen neuen Produktivitätsschub tragen — Brynjolfsson und Acemoglu streiten seit 2024 darüber —, zählt zu den folgenreichsten offenen Fragen der Makroökonomik. Wer die Frage, warum manche Länder reich und andere arm sind, mit fester Stimme beantwortet, überdehnt seinen Befund vermutlich.