Aristoteles' Poetik, um 335 v. Chr. entstanden, ist das Gründungsdokument der Dramentheorie in der westlichen Tradition. Seine Diagnose, was eine Tragödie zum Funktionieren bringt — gewonnen aus der Lektüre von Aischylos, Sophokles und Euripides —, wirkt seit zweieinhalb Jahrtausenden fort. Eine Tragödie verlangt einen Protagonisten von Rang, der an einer hamartia („tragischer Fehler“) scheitert; eine peripeteia, einen Umschlag des Schicksals; eine anagnorisis, eine Erkenntnis dessen, was geschehen ist, oft zu spät; und eine katharsis, eine Reinigung von Mitleid und Furcht beim Publikum. Die Form ist nicht auf die griechische Tragödie beschränkt. Dasselbe strukturelle Skelett erscheint im Sanskrit-Drama, im japanischen Nō, in Shakespeares reifen Tragödien (Hamlet, Lear, Macbeth, Othello), in Arthur Millers Death of a Salesman und im heutigen Antihelden des Prestige-Kinos und -Fernsehens.
Aristoteles' Darstellung zählt sechs Elemente in einer umstrittenen Rangfolge auf. An erster Stelle steht die Handlung (mythos), die Anordnung der Vorfälle — die meistdebattierte These des Aristoteles lautet, die Handlung wiege schwerer als der Charakter. Darunter folgen Charakter (ethos), Gedanke (dianoia), Sprache (lexis), Musik (die griechische Tragödie wurde gesungen) und zuletzt das Spektakel (Inszenierung) — eine Reihung, die das Bühnenhandwerk bewusst hintenanstellt. Der dramatische Bogen läuft von der Exposition über die steigende Handlung zur Klimax (in der peripeteia und anagnorisis zu einem einzigen Moment verschmelzen), dann zur fallenden Handlung und zur Katastrophe. Die Komödie folgt strukturell demselben Bogen, kehrt aber das Ende um — Eintritt in die Gemeinschaft, typischerweise durch Heirat, statt Ausschluss aus ihr, typischerweise durch Tod. Tragikomödie und Shakespeares späte Romanzen durchschreiten tragisches Gelände und gehen in Wiederherstellung über. Jede spätere Auflehnung gegen die überkommene Form — Ibsen und Tschechow im späten 19. Jahrhundert, Brecht und Beckett im 20. — bringt ihre eigenen Konventionen hervor, an denen sich die nächste Generation reibt. Spannender als der Inhalt der aristotelischen Struktur ist ihre Beständigkeit über Jahrtausende und Kulturen hinweg. Fünf Züge erklären sie. Die Identifikation mit dem Protagonisten überträgt dessen Einsatz auf das Publikum. Die kausale Notwendigkeit — Ereignisse, die aus früheren Entscheidungen und Lagen folgen — scheidet tragische Erzählung von Anekdote. Die moralische Frage (wie sähe Gerechtigkeit hier aus?) wird gestellt, aber nie sauber beantwortet. Die Erkenntnis — der Held versteht zu spät, was er getan hat — gehört zu den stärksten Momenten, die das Drama kennt. Und die Katharsis benennt eine reale Phänomenologie: vom tragischen Spiel ergriffen zu werden ist etwas, das Publika quer durch Zeiten und Orte verlässlich tun, die sonst kaum etwas teilen. Die Struktur ist keine ästhetische Vorliebe, sondern ein Erkenntnismuster; die Erzählung, die der menschliche Geist überzeugend findet, ist immer wieder die, die Aristoteles beschrieben hat.
Drama hat 2025 eine Präsenz wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Das Prestige-Fernsehen — The Sopranos, The Wire, Breaking Bad, Mad Men, Succession — gilt als die beherrschende langformige tragische Erzählung des frühen 21. Jahrhunderts, jede Serie um einen Protagonisten von Rang mit einem fatalen Fehler herum gebaut und dem Bogen des Falls folgend. Das Kino schöpft weiter aus der Struktur, im Blockbuster-Modus (die Schablone der Heldenreise) wie im Arthouse. Auch Videospiele nehmen sie inzwischen ernst — The Last of Us, Disco Elysium, Red Dead Redemption 2 sind in der Form ausdrücklich tragisch. KI-generiertes Erzählen wirft eine neue Frage auf: ob dramatische Struktur von Systemen erzeugt werden kann, für die nichts auf dem Spiel steht in dem Sinn, in dem es für Menschen auf dem Spiel steht.