Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 398 · Folio VIII
ILL. № 398
GESCH
Plate — Cyberkrieg

Cyberkrieg

Ein Angriff reist heute mit Lichtgeschwindigkeit — und trifft ohne erkennbaren Absender ein.
Der Beitrag

Ein Angriff legt heute den Weg mit Lichtgeschwindigkeit zurück und trifft ohne Absender ein. Staatlich beauftragte Hacker haben ein ukrainisches Stromnetz abgeschaltet — der BlackEnergy-Angriff von 2015 verdunkelte rund 230.000 Haushalte —, 30.000 Rechner von Saudi Aramco gelöscht (Shamoon, 2012), die Interna von Sony Pictures ins Netz gekippt (2014), sich in die amerikanische Wahl eingemischt (2016), Irans Zentrifugen mit Stuxnet zerstört (um 2010) und die Sicherheitsüberprüfungsakten von 22 Millionen Bundesbediensteten abgezogen (der OPM-Einbruch 2014/15). Der Schaden ist strategisch erheblich, die Antworten sind gedämpft. Der Cyberkrieg ist eine der wichtigsten Grauzonen des Großmachtwettbewerbs — unter der Schwelle des Krieges, über der des Friedens.

Die strategische Eigenart des Cyberangriffs ist, dass er in einem Feld stattfindet, in dem Abschreckung schwerfällt. Die Zuschreibung ist langsam und umstritten; Vergeltung ohne klare Zuschreibung wirkt destabilisierend; und die rechtliche Schwelle dafür, was ein „Angriff“ ist, bleibt unscharf — ist Datendiebstahl eine Kriegshandlung? Ist es die Einmischung in eine Wahl? Heraus kommt ein Feld, in dem staatlich beauftragte Offensivoperationen ein Dauerzustand sind, meist unzugeordnet und meist so dosiert, dass sie unter der Linie bleiben, die eine konventionelle Antwort auslösen würde. Russland, China, Nordkorea, Iran, die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Israel und Frankreich unterhalten allesamt nennenswerte offensive Cyberprogramme; das nordkoreanische dient zusätzlich als Einnahmequelle, wenn die Lazarus-Gruppe Kryptowährung in Milliardenhöhe stiehlt, um das Regime zu finanzieren. Die Verteidigungslage ist grundsätzlich asymmetrisch: Der Angreifer muss eine Lücke finden, der Verteidiger muss alle schließen — und die Angriffsfläche ist mit Cloud, Internet der Dinge und Software-Lieferketten explodiert. 2020 installierten rund 18.000 Organisationen das verseuchte SolarWinds-Update; tatsächlich ausgenutzt wurden jedoch weit weniger. Die Ökonomie kippt in dieselbe Richtung: Ein Exploit kostet Monate Entwicklung und beim millionsten Einsatz Pfennige, und derselbe Code lässt sich, einmal benutzt, abfangen, zurückentwickeln und gegen den eigenen Urheber richten — so geschehen, als NSA-Werkzeuge durchsickerten und 2017 in den Würmern WannaCry und NotPetya wieder auftauchten; NotPetya allein richtete weltweit rund 10 Milliarden Dollar Schaden an. Kritische Infrastruktur — Stromnetze, Wasserwerke, Zahlungsverkehr, Krankenhäuser — ist heute eine wichtige Zielgruppe, und der ukrainische Schauplatz seit 2014 ist das lebende Labor dafür, wie Cyberoperationen gegen zivile Ziele im großen Maßstab aussehen.

Warum jetztKI-gestützte Angriffswerkzeuge — automatisierte Suche nach Schwachstellen, Spear-Phishing im großen Stil, Social Engineering mit Deepfakes — sind der nächste Sprung: Sie senken die Hürde für ausgefeilte Angriffe und heben zugleich die Obergrenze. Jeder größere Nachrichtendienst investiert kräftig; jedes größere Ziel versucht, seine Abwehr vor dem Werkzeug zu halten. Ob Normen für den Cyberraum — eine Genfer Konvention fürs Netz, ein Verzicht auf Erstschläge gegen Stromnetze, ein glaubwürdiges Verfahren zur Zuschreibung — entstehen, bevor ein großer Vorfall sie erzwingt, oder ob das Feld auf unabsehbare Zeit Wilder Westen bleibt, gehört zu den folgenreicheren Regierungsfragen des kommenden Jahrzehnts.