Die Coronapandemie
Im Dezember 2019 tauchte im chinesischen Wuhan ein neuartiges Coronavirus auf, und binnen dreier Monate war daraus jene Pandemie geworden, vor der Regierungen immer wieder gewarnt worden waren, ohne sich hinreichend darauf vorzubereiten. In den zwei Jahren danach tötete das Virus mindestens sieben Millionen Menschen unmittelbar, rechnet man die Übersterblichkeit sauber mit, wohl das Zwei- bis Dreifache. Es legte die Weltwirtschaft phasenweise still, leerte Flughäfen und Klassenzimmer, verkürzte den Weg von der entschlüsselten Virus-Sequenz zum zugelassenen mRNA-Impfstoff auf weniger als ein Jahr und brachte danach Milliarden Dosen hervor — und stellte die Leistungsfähigkeit jedes Staates auf den Prüfstand, in Echtzeit: Krankenhäuser, Lieferketten, Datensysteme, politische Legitimität. Die Noten dafür fielen öffentlich und ließen sich nicht verstecken.
Neue politische Bruchlinien schuf die Pandemie kaum, sie verstärkte die vorhandenen. Als die WHO im März 2020 die Pandemie ausrief, griffen die meisten Regierungen zum einzigen Werkzeug, das dalag: flächendeckende Lockdowns, die über Nacht die Straßen leerten und die Wirtschaft anhielten. Das Vertrauen in Institutionen — öffentliche Gesundheit, Fachwissen, Regierung — wurde von Land zu Land verschieden geprüft, mit auffällig verschiedenen Ergebnissen. Wo Regierungen und Öffentlichkeit die Gefahr kleinredeten, litten Befolgung und Ergebnis. Mehrere ostasiatische Staaten — Taiwan, Südkorea, Japan, Vietnam —, denen SARS von 2003 noch im Gedächtnis saß, hielten das Virus im ersten Jahr mit Testen, Nachverfolgen und Isolieren klein statt mit pauschalen Ausgangssperren. Chinas Null-COVID-Politik funktionierte glänzend, bis Omikron jede Eindämmung überholte; im November 2022 machten die Proteste sie politisch unhaltbar, und im Dezember gab Peking sie beinahe über Nacht auf — mit chaotischen, kaum erfassten Folgen, womöglich einer Million Toten in wenigen Wochen. Das Virus schrieb seine Regeln immer wieder um, in einer Folge von Varianten, erst Delta, dann Omikron, jede ansteckender als die vorige. Die Impfstoffe, allen voran die mRNA-Plattformen von Pfizer-BioNTech und Moderna, gewachsen aus Jahrzehnten stiller Grundlagenforschung und in unter einem Jahr von der Sequenz bis zur Zulassung gebracht, waren ein Triumph wissenschaftlicher Infrastruktur — womöglich, ganz unauffällig, der wichtigste medizinische Durchbruch des Jahrhunderts, mit Anwendungen, die heute bis zur Krebsmedizin reichen. Die wirtschaftliche Antwort — Fiskalprogramme in einem für Friedenszeiten beispiellosen Umfang, Billionen an Hilfen und Kurzarbeit — fing den Einbruch ab und trug, neben zerrissenen Lieferketten, der Verlagerung vom Dienstleistungs- zum Warenkonsum und dem späteren Energieschock, zu jener Inflation bei, die 2022 bis 2024 die Politik beherrschte und in der demokratischen Welt reihenweise Regierungen stürzte.