Komposition & der Goldene Schnitt
- Rule of thirds and visual weightnoch nicht geprüft
- Leading lines, negative space, symmetry, aspect ratiosnoch nicht geprüft
- The golden ratio's overclaimed status in artnoch nicht geprüft
- φ as the most irrational number and phyllotaxisnoch nicht geprüft
Wohin das Auge zuerst fällt — und was es dort hält. Die Frage der Bildkomposition, also der räumlichen Anordnung im Bildausschnitt, stellt sich jeder Malerin, jedem Fotografen, jedem Gestalter und jeder Kamerafrau irgendwann. Die meistzitierte Antwort ist der Goldene Schnitt, φ ≈ 1,618, hergeleitet aus einer geometrischen Konstruktion in Euklids Elementen (~300 v. Chr.) und angeblich am Werk vom Parthenon über Leonardos Mona Lisa bis zum Apple-Logo. Der kulturelle Ruf ist gewaltig. Die empirische psychologische Evidenz dafür, dass φ für Wahrnehmung oder Geschmack einen Sonderstatus hätte, ist es nicht: Sie fällt weit dünner aus, als der Ruf verspricht. Proportionen zu bedenken lohnt sich; das eine Verhältnis φ ist dabei ein Werkzeug unter vielen und kein bevorzugtes.
Was die Kompositionslehre beisteuert, ist eine kleine, robuste Sammlung praktischer Faustregeln, gewachsen in Malerei, Fotografie und Film. Die Drittelregel — den Bildausschnitt in ein 3×3-Raster teilen und die tragenden Elemente auf die Linien oder deren Schnittpunkte legen — ist eine Näherung, keine Ableitung aus dem Goldenen Schnitt, so hartnäckig das auch behauptet wird, und sie hält der Prüfung stand: Bilder, die ihr folgen, werden von Betrachtern als reizvoller bewertet als mittig oder zufällig komponierte. Auch das visuelle Gewicht zählt — Gesichter und vor allem Augen, harter Kontrast, satte Farbe, scharfe Zeichnung und Führungslinien ziehen den Blick an, und Komponieren heißt, diese Gewichte so gegeneinanderzusetzen, dass der Blick den vorgesehenen Weg nimmt. Negativraum trägt kompositorisch so viel wie die gefüllte Fläche; Führungslinien — eine Straße, ein Geländer, der Horizont — lenken das Auge; und die Wahl zwischen Symmetrie (förmlich, ruhig, hierarchisch) und Asymmetrie (bewegt, modern, beiläufig) ist eine rhetorische. Die Bildseitenverhältnisse des Kinos (4:3, 16:9, 2,35:1, IMAX 1,43:1) machen schon den Zuschnitt zum Ausdrucksmittel. Einen echten mathematischen und natürlichen Rang hat φ durchaus: Es ist in einem präzisen Sinn die irrationalste Zahl — die Kettenbruchentwicklung lautet [1;1,1,1,…] — und es taucht in der Phyllotaxis auf, in den Fibonacci-Zahlen der Sonnenblumenblüten und der Kiefernzapfenspiralen — nicht aber, allen Postern zum Trotz, in der Nautilusschale, deren logarithmische Spirale einem ganz anderen Verhältnis folgt. In der Kunst des Menschen dagegen ist es meist nachträglich hineingelesen: Die goldenen Proportionen des Parthenon ergeben sich erst, wenn man die Messlinien passend legt, und der Vitruvianische Mensch rechnet mit Körperproportionen, nicht mit φ. Viele angeblich goldenschnittige Werke fallen bei sorgfältiger Messung durch, empirische Präferenzstudien liefern kleine und uneinheitliche Effekte, und der kulturelle Rang des Verhältnisses erfüllt sich zum Teil selbst. Was die Skepsis übersteht, ist das Handwerk: proportionales Denken zählt, und die Faustregeln — Drittelregel, Diagonalmethode, dynamische Symmetrie — tragen.