Die Bibliothek · MathematikTafel № 197 · Folio I
ILL. № 197
MATH
Plate — Funktionentheorie

Funktionentheorie

Nimmt man die Wurzel aus −1 ernst, entsteht eine Analysis, die der reellen an Eleganz überlegen ist: Einmal komplex differenzierbar heißt bereits unendlich oft differenzierbar.
Als Nächstes empfohlen → Potenzreihen · MATH · T5
Facetten
  • i² = −1, from Cardano's trick to legitimacynoch nicht geprüft
  • Cauchy-Riemann equations and holomorphic rigiditynoch nicht geprüft
  • Cauchy's theorem, integral formula, and residuesnoch nicht geprüft
  • Conformal maps and analytic continuationnoch nicht geprüft
Der Beitrag

Komplexe Zahlen — Ausdrücke der Form a + b·i mit i² = −1 — kamen im sechzehnten Jahrhundert als algebraischer Notbehelf zur Welt: Cardanos Formel für kubische Gleichungen verlangte in Zwischenschritten mitunter Wurzeln aus negativen Zahlen, selbst wenn am Ende eine reelle Lösung herauskam. Zwei Jahrhunderte lang galten sie den meisten Mathematikern als nützliche Fiktion, mehr nicht. Im neunzehnten Jahrhundert dann stießen Cauchy und Riemann auf einen merkwürdigen Befund: Komplexe Differenzierbarkeit ist etwas viel Strengeres als reelle. Wer eine Funktion im komplexen Sinn auch nur einmal differenzieren kann, kann es beliebig oft; die Funktion stimmt mit ihrer Taylorreihe überein und ist durch ihre Werte auf einer kleinen Menge bereits vollständig festgelegt. Die Funktionentheorie — so heißt die Lehre von diesen Funktionen — wurde zu einem der schönsten und folgenreichsten Zweige der Mathematik, mit Ausläufern in die Physik, die Ingenieurwissenschaften und die reine Zahlentheorie.

Eine komplex differenzierbareholomorphe — Funktion f: U → ℂ auf einer offenen Menge U ⊂ ℂ genügt den Cauchy-Riemannschen Differentialgleichungen: Schreibt man f(z) = u(x, y) + i·v(x, y) mit z = x + i·y, so gilt ∂u/∂x = ∂v/∂y und ∂u/∂y = −∂v/∂x. Aus diesen beiden Gleichungen folgen die Wunder des Fachs. Holomorphe Funktionen sind unendlich oft differenzierbar — einmal komplex differenzierbar heißt immer differenzierbar. Holomorphe Funktionen stimmen mit ihrer Taylorreihe überein, auf der größten Kreisscheibe, auf der sie definiert sind: Sie sind analytisch. Der Cauchysche Integralsatz: Das Integral einer holomorphen Funktion über eine geschlossene Schleife verschwindet. Die Cauchysche Integralformel: Ihre Randwerte legen eine holomorphe Funktion in jedem inneren Punkt fest. Der Residuensatz — ein geschlossenes Schleifenintegral ist 2πi mal die Summe der Residuen an den umschlossenen Singularitäten — macht per Konturintegration in der komplexen Ebene sogar reelle bestimmte Integrale berechenbar. Singularitäten zerfallen in drei Klassen: hebbare, Pole — dort ist 1/f lokal holomorph — und wesentliche, das wildeste Verhalten, das der Satz von Casorati-Weierstraß beschreibt. Laurentreihen, Potenzreihen mit negativen Exponenten, stellen Funktionen mit Singularitäten dar. Konforme Abbildungen — holomorph, mit nirgends verschwindender Ableitung — erhalten Winkel, und der Riemannsche Abbildungssatz besagt, dass sich jede einfach zusammenhängende echte Teilmenge von ℂ konform auf die Einheitskreisscheibe abbilden lässt. Die analytische Fortsetzung schließlich dehnt eine lokal definierte Funktion auf den größtmöglichen Bereich aus; das kanonische Beispiel ist die Riemannsche Zetafunktion, ursprünglich nur für Re(s) > 1 erklärt und per Fortsetzung auf ganz ℂ mit Ausnahme von s = 1 ausgedehnt.

Warum jetztDie Quantenmechanik ist im Kern komplex: Wellenfunktionen nehmen Werte in ℂ an, und physikalisch zählen gerade die relativen Phasen zwischen ihnen — sie machen die Interferenzmuster. Die Ingenieurwissenschaften greifen an allen Ecken auf die Funktionentheorie zurück: Laplace- und Fourier-Transformation leben von komplexen Methoden, die Analyse elektrischer Schaltungen rechnet mit komplexer Impedanz, die Regelungstheorie beurteilt Stabilität nach der Lage der Pole in der komplexen Ebene. In der Strömungsmechanik ist die ebene Potenzialströmung nichts anderes als Funktionentheorie. Die Zahlentheorie setzt sie massiv ein: Die Riemannsche Vermutung handelt von den Nullstellen einer komplex-analytischen Funktion, und im Langlands-Programm spielen komplex-analytische Modulformen eine tragende Rolle. Die konforme Feldtheorie der Physik — Grundpfeiler der Stringtheorie wie der zweidimensionalen statistischen Mechanik — ruht auf der Geometrie konformer Abbildungen. Was die Funktionentheorie so unverhältnismäßig mächtig macht, ist die einzigartige Starrheit der komplexen Differenzierbarkeit — eine Eigenschaft, zu der kein anderer Zweig der Analysis ein Gegenstück besitzt.
Zur VertiefungAhlfors' Complex Analysis (3. Aufl., 1979) ist der klassische Referenztext; Stein und Shakarchis Complex Analysis (2003) die moderne, erzählerisch sorgfältigere Alternative. Den Blick des Ingenieurs bedient Brown und Churchills Complex Variables and Applications, seit Jahrzehnten das Standardwerk für Anwendungskurse. Und Needhams Visual Complex Analysis (1997, erweiterte 2. Aufl. 2023) liefert die geometrische Anschauung dazu — für viele Leser der Punkt, an dem das Fach aufgeht.