Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 286 · Folio VIII
ILL. № 286
GESCH
Plate — Stellvertreterkriege des Kalten Krieges

Stellvertreterkriege des Kalten Krieges

Afrika und Lateinamerika zahlten den Preis für zwei Ideologien — nach ihrer Wahl hatte niemand gefragt.
Der Beitrag

Zwischen 1945 und 1991 vermieden die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion den direkten militärischen Zusammenstoß — ihre Stellvertreter kämpften dafür überall sonst. Weil die nukleare Abschreckung einen offenen Krieg zwischen ihnen zum Selbstmord machte, trugen die Supermächte ihre Rivalität mit anderen Mitteln aus, auf fremdem Boden. Griechischer Bürgerkrieg, Korea, Vietnam, Kongo, Angola, Mosambik, Äthiopien gegen Somalia, Nicaragua, El Salvador, Afghanistan, Jemen. Zig Millionen Menschen starben in Kriegen, deren eigene Logik — ethnisch, antikolonial, dynastisch — vom Wettstreit der Supermächte um Waffen, Geld und ideologische Gefolgschaft überlagert wurde. Die Akteure vor Ort trafen eigene Entscheidungen; doch Hilfe von außen konnte einen Dorfkonflikt zur Front eines planetaren Wettkampfs machen.

Aus Sicht der Supermächte war das System der Stellvertreterkriege vernünftig, aus Sicht aller anderen verheerend. Ein direkter Konflikt zwischen Washington und Moskau war durch die Abschreckung gedeckelt — die gegenseitig gesicherte Vernichtung machte den Sieg von der Auslöschung ununterscheidbar —, also floss die Rivalität in Konflikte in Drittstaaten, an denen sich Entschlossenheit prüfen, der Gegner ausbluten und Bündnistreue verschieben ließ, ohne Moskau oder Washington aufs Spiel zu setzen. Korea, Vietnam und Afghanistan in den 1980er-Jahren waren die großen Schauplätze, kleinere zogen sich durch die gesamte entkolonialisierte Welt. Den Rohstoff lieferte die Entkolonialisierungswelle der 1950er- und 60er-Jahre: Dutzende neuer Staaten mit dünnen Institutionen, deren innere Kämpfe jede Seite als Abstimmung über das eigene Modell lesen und entsprechend bewaffnen konnte. Beide pumpten Waffen, Berater und Geld in Konflikte, die ursprünglich nichts mit dem Kalten Krieg zu tun hatten — Angolas Krieg zwischen MPLA, UNITA und FNLA, in den kubanische Truppen und südafrikanische Verbände auf entgegengesetzten Seiten eingriffen; den Ogadenkrieg am Horn von Afrika, in dem Moskau fast über Nacht von Somalia auf Äthiopien als Klienten umschwenkte; Nicaraguas Kampf zwischen Sandinisten und Contras. Die Folgen für die Gastländer waren schwer: langwierige Konflikte, militarisierte Politik, wirtschaftliche Zerstörung, dazu Waffenlager und traumatisierte Bevölkerungen, die noch Jahrzehnte danach die Handlungsfähigkeit des Staates begrenzen. Entscheidend: Verloren die Supermächte das Interesse, endeten die Kriege meist nicht — sie liefen nur ohne Geld und ohne Vermittler weiter, und Somalia und Afghanistan zerfielen in den 1990er-Jahren. Das System erzeugte auch Blowback: Der afghanische Dschihad schuf bewaffnete Netze und Rückzugsräume, die al-Qaida später nutzte, obwohl die CIA bin Laden nicht unmittelbar finanzierte; Untersuchungen belegten Drogengeschäfte einzelner mit den Contras verbundener Gruppen, nicht aber die Behauptung, die CIA habe die Crack-Epidemie geschaffen. Und die Verdecktheit des Ganzen — die glaubhafte Bestreitbarkeit — zersetzte daheim die demokratische Kontrolle, bis hin zu Skandalen wie der Iran-Contra-Affäre.

Warum jetztAm deutlichsten zeigt sich das alte Muster heute in der Ukraine, Syrien und dem Jemen: Äußere Mächte bewaffnen Partner und steuern die Eskalation, ohne das gesamte Schlachtrisiko selbst zu tragen. Die Sahelzone, der Sudan und das Südchinesische Meer gehören zu einem unübersichtlicheren multipolaren Wettstreit, nicht zu einem einzigen amerikanisch-chinesischen oder amerikanisch-russischen Stellvertretersystem. Drohnen und billige Präzisionswaffen senken den Preis der Intervention, doch die alte Lehre gilt: Wer als Schachbrett dient, zahlt mit gewaltigen Totenzahlen und zerbrochenen Institutionen, lange nachdem der Wettstreit weitergezogen ist. Dass der Globale Süden sich immer weniger einem der beiden Blöcke zuordnen will, ist zum Teil genau diese Lehre, in Echtzeit angewandt.