Kognitive Revolution
Anatomisch modern war Homo sapiens schon seit einer Viertelmillion Jahren — und fing damit sehr lange sehr wenig an. Zweihundert Jahrtausende hindurch schlugen unsere Vorfahren dieselben Steinwerkzeuge, Generation für Generation, und hinterließen kaum etwas, das sich Kultur nennen ließe. Dann, vor rund 70.000 Jahren, bricht im Befund des Jungpaläolithikums der Damm: gegenständliche Höhlenbilder in Chauvet und Lascaux, Knochenflöten, deren Tonleitern sich wiedererkennen lassen, aufgefädelte Perlen aus Straußeneierschale, rituelle Bestattungen mit Grabbeigaben, Ocker und Meeresmuscheln, hunderte Kilometer weit von ihren Fundorten fortgetragen. Der Historiker Yuval Harari hat dafür einen Namen gefunden: die kognitive Revolution. Von hier an ist die Art nicht mehr ein geschickter Affe unter anderen, sondern das, was sie heute ist.
Worin der Wandel biologisch bestand, ist bis heute strittig. Am ehesten, so die verbreitete Vermutung, eine Mutation, die das Sprachvermögen neu verschaltete — vielleicht an Genen wie FOXP2, die die Feinmotorik des Sprechens steuern. Klarer liegt die Folge fürs Verhalten. Sapiens konnte auf einmal über Dinge reden, die es nicht gab: Götter, Ahnen, künftige Jagden, eingebildete Feinde, abstrakte Schulden. Daran hängt, dass große Gruppen einander Fremder überhaupt zusammenarbeiten können. Ein Schimpansenverband hält über Fellpflege und persönliche Bekanntschaft rund fünfzig Tiere beisammen; die menschliche Gruppe, die allein von Klatsch und Sprache lebt, stößt bei der Dunbar-Zahl an ihre Decke, bei etwa 150. Darüber hinaus kommt nur, wer über gemeinsame Fiktionen verfügt — Mythen, Marken, Geld, Nationen, Kapitalgesellschaften —, die einander wildfremde Menschen in ein gemeinsames Vorhaben spannen. Und anders als Gene ist eine Fiktion veränderbar: Ein Stamm schreibt seine Mythen binnen einer Generation um, ein Wolfsrudel muss warten, bis die natürliche Auslese sein Verhalten ändert. So begann sich Kultur in einem Tempo zu entwickeln, das die Biologie nie einholen konnte. Der Ertrag war eine Landnahme, der auf der Erde nichts gleichkam. Binnen fünfzigtausend Jahren hatte Sapiens offenes Meer überwunden und vor mindestens 50.000 Jahren Australien erreicht — eine Überfahrt, für die es Boote und Planung brauchte —, war von Sibirien bis nach Patagonien gelaufen, hatte die großen Säugetiere des Planeten größtenteils ausgerottet, Mammut, Riesenfaultier und das australische Diprotodon, und jede andere Menschenart verdrängt oder in sich aufgenommen, Neandertaler und Denisova-Menschen darunter, von denen heute nur ein paar Prozent im Erbgut lebender Nicht-Afrikaner übrig sind.