Kognitive Verzerrungen
- Confirmation bias: seeking belief-fitting evidencenoch nicht geprüft
- Kahneman's fast and slow thinkingnoch nicht geprüft
- Metacognition: watching your own thinkingnoch nicht geprüft
- The IQ scale, mean 100noch nicht geprüft
1974 legten zwei eng befreundete Kognitionspsychologen der Hebräischen Universität Jerusalem, Daniel Kahneman und Amos Tversky, in Science einen Aufsatz vor, der eine ganze Forschungsrichtung eröffnete: Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. Er wies mit experimenteller Strenge nach, dass menschliches Schlussfolgern systematisch von der Wahrscheinlichkeitstheorie abweicht — nicht bloß ungenau, sondern in eine bestimmte Richtung und immer wieder in dieselbe. Die Fachpsychologie war zu dieser Zeit damit befasst, mentale Prozesse zu erklären; die beiden führten stattdessen Buch über die systematischen Weisen, in denen ebendiese Prozesse versagen. In gut vierzig Jahren wuchs daraus eine Taxonomie kognitiver Verzerrungen, die Psychologie, Wirtschaftswissenschaft — sie begründete die Verhaltensökonomie —, Medizin und Politikberatung umgekrempelt hat. Tversky starb 1996; Kahneman bekam 2002 den Wirtschaftsnobelpreis, der damit zum ersten Mal an einen Psychologen ging. Sein Thinking, Fast and Slow trug das Programm 2011 einem breiten Publikum vor.
Was den Katalog haltbar machte, war der Perspektivwechsel. Die ältere Psychologie erklärte, wie mentale Prozesse arbeiten; Kahneman und Tversky zeigten, wie sie systematisch versagen. Ihre Versuchspersonen ließen ein Glücksrad drehen, das bei 10 oder bei 65 stehen blieb, und schätzten anschließend, wie hoch der Anteil afrikanischer Staaten in den Vereinten Nationen sei — nach der 10 antworteten sie um die fünfundzwanzig, nach der 65 um die fünfundvierzig. Lebhafte, frisch erinnerte Ereignisse hielten sie für wahrscheinlicher als statistisch häufige. Basisraten übergingen sie so gründlich, dass ein zu 99 % treffsicherer Test in einer Bevölkerung mit 1 % Prävalenz als zuverlässig positiver Befund gelesen wurde. Verluste wogen für sie ungefähr doppelt so schwer wie gleich große Gewinne. Nichts davon war Rauschen: Die Abweichungen waren vorhersagbar, wiederholbar und durch Belehrung kaum zu beheben.
Erklärt wird das über die Zwei-Prozess-Theorie. System 1 arbeitet schnell, automatisch und mustererkennend und liefert den Großteil aller Urteile über billige Heuristiken; System 2 arbeitet langsam, seriell und kapazitätsbegrenzt und korrigiert die Fehler des ersten — sofern es sich einschaltet, was selten vorkommt. Die Verzerrungen sind darum keine Defekte von System 1, sondern Abkürzungen: In der Umwelt, in der sich die menschliche Kognition ausgebildet hat, führen sie zuverlässig zum Ziel, und sie scheitern erst dort, wo eine Umgebung ihre Voraussetzungen gezielt unterläuft. Von einer Verzerrung zu wissen, hebt sie fast nie auf. Wirksames Debiasing setzt deshalb an der Architektur der Entscheidung an — Thalers und Sunsteins Nudge-Programm mit Widerspruchs- statt Zustimmungslösung, strukturierte Beratungsverfahren, chirurgische Checklisten —, also dort, wo System 2 ohne eigenes Zutun zum Zug kommt.