Kino & Montage
- Hollywood and the Academy Awardsnoch nicht geprüft
- Landmark directors: Hitchcock, Spielbergnoch nicht geprüft
- Silent-era founders: Chaplin, Disneynoch nicht geprüft
1925 kam Panzerkreuzer Potemkin in die Kinos, der Film des sowjetischen Regisseurs Sergei Eisenstein über eine Meuterei auf einem zaristischen Kriegsschiff von 1905. Mit der Sequenz auf der Treppe von Odessa führte er vor, dass die eigentümliche Ausdruckskraft des Kinos nicht in der einzelnen Einstellung liegt, sondern im Schnitt zwischen den Einstellungen. Eine Großaufnahme einer schreienden Frau; eine Totale auf heranrückende Soldatenstiefel; ein Kinderwagen, der eine gewaltige Treppe hinabrollt; ein zersplitterter Zwicker; ein steinerner Löwe, der sich aufzurichten scheint — keine dieser Einstellungen sagt für sich, was die Sequenz sagt. Der Sinn entsteht im Kopf des Publikums, aus der bloßen Nachbarschaft. Eisenstein nannte das Verfahren Montage und erklärte es, theoretisch und mit großer Geste, zur ganzen Kunst des Kinos. Er übertrieb — und lag im Wesentlichen richtig.
Die weitreichende These der Montagetheorie lautet: Grundeinheit des Kinos ist nicht die Einstellung, sondern der Schnitt zwischen zwei Einstellungen. Lew Kuleschow führte das um 1918 mit dem später nach ihm benannten Kuleschow-Effekt vor: Dieselbe unveränderte Großaufnahme eines Schauspielergesichts wurde nacheinander mit einer Schale Suppe, einer Leiche im Sarg und einem spielenden Kind verschnitten, und das Publikum las denselben Gesichtsausdruck zuversichtlich als Hunger, dann als Trauer, dann als Zärtlichkeit. Am Gesicht hatte sich nichts geändert; der Sinn kam allein aus der Nachbarschaft. Eisenstein machte daraus das Fundament einer ganzen Kunst, unterschied Abstufungen des Schnitts — vom rhythmischen Schnitt auf die Bewegung bis zur intellektuellen Montage, die zwei unverwandte Bilder so zusammenbringt, dass ein dritter Gedanke entsteht (Politiker und Pfau) — und verlegte die Ausdruckskraft des Films in eben jene Bauarbeit, die das Publikum im Takt des Projektors leistet.
In der Praxis stehen seither zwei große Schnitttraditionen nebeneinander. Der unsichtbare Schnitt, den D. W. Griffith und die Hollywood-Studios bis in die 1930er festschrieben, richtet jeden Schnitt so ein, dass niemand ihn bemerkt — Blickanschluss, Hundertachtzig-Grad-Regel, Bewegungsanschluss, das Schuss-Gegenschuss des Dialogs —, damit die erzählte Welt zusammenhängt und das Handwerk verschwindet. Der diskontinuierliche Schnitt — die sowjetische Montage, die Jump Cuts der Nouvelle Vague in Außer Atem, das Experimentalkino von Maya Deren und Stan Brakhage — will das Gegenteil und stellt den Schnitt als Ausdrucksmaterial heraus. Beiden gegenüber steht die Mise en Scène: alles vor der Kamera, in langen Plansequenzen arrangiert von Regisseuren wie Mizoguchi, Ophüls oder dem späten Kubrick, wo der Sinn innerhalb der Einstellung anwächst statt zwischen ihnen. Das Tempo, gemessen als durchschnittliche Einstellungslänge, reicht von Tarkowskis mehr als dreißig Sekunden bis zu den unter drei Sekunden des heutigen Actionkinos; großes Werk entsteht auf beiden Seiten, und der heutige Mainstream bewegt sich mit einiger Selbstverständlichkeit zwischen ihnen.