Ursachen des Ersten Weltkriegs
Am 28. Juni 1914 erschoss der tuberkulöse bosnisch-serbische Jugendliche Gavrilo Princip in Sarajevo den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand. Sechs Wochen später stand jede europäische Großmacht außer Italien im Krieg. Gewollt hatte ihn niemand — jedenfalls nicht diesen. Viele Soldaten und Zivilisten hofften auf einen kurzen Krieg; die Generalstäbe suchten die frühe Entscheidung, bevor die gegnerischen Bündnisse ihre ganzen Kräfte aufbieten konnten. Andere warnten, Industriemächte könnten einen langen Krieg durchstehen. Keine Regierung hatte einen belastbaren Zeitplan für das, was folgte. Dann kamen vier Jahre industriell betriebenen Schlachtens: rund zehn Millionen tote Soldaten, zwanzig Millionen Verstümmelte, die Dynastien der Romanows, Habsburger, Hohenzollern und Osmanen gestürzt und jene Revolutionen, Wirtschaftskrisen und Ideologien gesät, die das übrige Jahrhundert auffressen sollten.
Über die Ursachen wird bis heute gestritten — der deutsche Griff nach der Weltmacht, stümperhafte Diplomatie, die eiserne Logik der Mobilmachung —, doch der gemeinsame Nenner sieht ungefähr so aus: ein Kontinent voller Sprengstoff und ohne Sicherungen. Zwei starre Bündnisse (die Triple Entente aus Frankreich, Russland und Großbritannien, der Dreibund aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien) sorgten dafür, dass jeder zweiseitige Streit auf dem Balkan zum Kontinentalkrieg werden konnte — und der Balkan glomm bereits, seit der Annexion Bosniens 1908 und zwei regionalen Kriegen 1912/13. Die Aufmarschpläne, in Friedenszeiten von den Generalstäben ausgearbeitet, allen voran der deutsche Schlieffenplan, hingen so eng an Eisenbahnfahrplänen, dass sie sich nicht mehr anhalten ließen, ohne den noch gar nicht begonnenen Krieg zu verlieren; die russische Generalmobilmachung vom 30. Juli zwang die deutsche Hand, und der deutsche Aufmarsch führte durch Belgien, dessen verletzte Neutralität am 4. August Großbritannien hereinbrachte. Ein Jahrhundert romantischen Nationalismus hatte die Völker gelehrt, einen heroischen Krieg zu wollen, und das deutsch-britische Wettrüsten um Dreadnought-Schlachtschiffe hatte aus wechselseitigem Verdacht Gewissheit gemacht. So taten die Diplomaten der Julikrise, überzeugt, den Streit örtlich begrenzen zu können, einen Verteidigungsschritt nach dem anderen — das österreichische Ultimatum, den deutschen Blankoscheck an Wien, die russische Mobilmachung —, bis keiner mehr den Ausgang in der Hand hielt. Der Krieg ist das Musterbeispiel einer strukturellen Falle: je für sich vernünftige Entscheidungen, die in eine gemeinsame Katastrophe führen, welche jeder Beteiligte fast um jeden Preis vermieden hätte. Und er brachte jene Staatskunst aus Geheimverträgen und Gleichgewichtspolitik in Verruf, die vierzig Jahre lang den Frieden gehalten hatte.