Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 158 · Folio VIII
ILL. № 158
GESCH
Plate — Das karolingische Europa

Das karolingische Europa

Karl der Große hielt die Erinnerung an Rom lange genug wach, um das lateinische Christentum zusammenzuheften.
Der Beitrag

Am Weihnachtstag 800 n. Chr. setzte Papst Leo III. in der Peterskirche einem fränkischen Heerführer die Kaiserkrone auf: Karl dem Großen. Damit stand im Westen wieder ein Kaiser, wo der Titel drei Jahrhunderte lang verwaist gewesen war. In Jahrzehnten des Krieges hatte Karl ein Reich zusammengebracht, das den größten Teil des heutigen Frankreich, Deutschlands, der Niederlande, der Schweiz und Norditaliens umfasste. Flüssig schreiben konnte er nicht, lesen lernte er erst als Erwachsener; sein Biograf Einhard berichtet von Schreibtafeln unter dem Kopfkissen, an denen er das Formen der Buchstaben übte, ohne je ganz damit zurechtzukommen. Und doch war er der gelehrteste Herrscher Westeuropas seit drei Jahrhunderten. Ihm war klar, woran die Zukunft seines Reiches hing: an der Verwaltung, an der Kirche, an der bloßen Fähigkeit, ein widerspruchsfreies Recht zu erlassen — und damit an Menschen, die lesen konnten. Von denen gab es zu wenige.

Karls Antwort hieß Karolingische Renaissance: ein abgestimmtes Programm, die lateinische Gelehrsamkeit zurückzuholen, die Handschriftenherstellung zu vereinheitlichen und das Bildungswesen wieder aufzubauen, das mit dem Weströmischen Reich untergegangen war. An seinen Hof nach Aachen holte er Gelehrte aus der ganzen Christenheit, allen voran den Northumbrier Alkuin von York, der die Hofschule führte und an den Kapitularien mitschrieb — die Admonitio generalis von 789 verpflichtete jedes Kloster und jede Bischofskirche darauf, eine Schule zu unterhalten. In den Skriptorien setzte sich eine klare, luftig gesetzte Kleinschrift mit Worttrennung und Zeichensetzung durch, die karolingische Minuskel; die Humanisten der Renaissance hielten ihre Buchstabenformen für echt antik, machten sie zu ihrer eigenen Hand und damit zur Vorlage der Kleinbuchstaben, die du in diesem Augenblick liest. Unter Karl und seinen Nachfolgern schrieben die Mönche rund neunzig Prozent aller erhaltenen Werke der klassischen lateinischen Literatur ab; von den meisten römischen Autoren ist die älteste Handschrift, die wir besitzen, eine karolingische und keine antike. Ohne dieses Programm gäbe es das meiste, was wir von Cicero, Vergil und dem römischen Kanon kennen, überhaupt nicht. Das Reich selbst hielt keine zwei Generationen: 843 teilten es Karls Enkel im Vertrag von Verdun in West-, Ostfranken und ein zum Untergang verurteiltes Mittelreich, danach kamen Wikinger, Magyaren und Sarazenen. Die geistige Ausstattung jedoch, die sein Hof geschaffen hatte, überlebte die Dynastie — aus ihr wuchsen die Domschulen, die Universitäten und die königlichen Kanzleien des mittelalterlichen Europa.

Warum jetztDass sich Europa heute als Kulturprojekt mit gemeinsamen lateinisch-christlichen Wurzeln begreift, ist der Herkunft nach karolingisch; die Teilung von 843 zieht sogar schon den groben Strich zwischen Frankreich und Deutschland, dessen Aussöhnung die Europäische Union absichern sollte. Der Karlspreis, den Aachen alljährlich für Verdienste um die europäische Einigung vergibt — an Persönlichkeiten von Churchill bis Merkel —, trägt seinen Namen nicht zufällig: Er zeigt zurück auf den Urheber des europäischen Projekts, Schriftlichkeit von Staats wegen durchzusetzen.