Im Westen hält sich hartnäckig die Vorstellung, Rom sei 476 n. Chr. untergegangen, als der germanische Heerführer Odoaker den Knabenkaiser Romulus Augustulus absetzte. Das ist, streng genommen, halb richtig. Das Weströmische Reich endete 476. Das Oströmische Reich — von Konstantinopel aus regiert, griechischsprachig, sich aber bis zum letzten Tag römisch nennend — bestand weitere neunhundertsiebenundsiebzig Jahre fort, bis die Osmanen 1453 Konstantinopel einnahmen. Sein Kaiser Justinian eroberte im 6. Jahrhundert sogar Italien, Nordafrika und Südspanien kurzzeitig zurück, sodass das Mittelmeer für einen Moment wieder ein römisches Binnenmeer war. Die Byzantiner nannten sich nicht Byzantiner — diese Bezeichnung prägte ein deutscher Historiker ein Jahrhundert nach dem Untergang des Reiches. Sie nannten sich Romaioi, Römer. Damit lagen sie nicht falsch.
Byzanz verbrachte ein Jahrtausend damit, die administrative, rechtliche und intellektuelle Kontinuität des Römischen Reiches zu bewahren, während der lateinische Westen sein eigenes, deutlich kürzeres dunkles Zeitalter durchlief. Der Codex Iustinianus (529–534 n. Chr.) fasste Jahrhunderte römischen Rechts zu einem Korpus zusammen, der, im Bologna des 11. Jahrhunderts wiederentdeckt, zum Fundament jedes späteren zivilrechtlichen Systems in Kontinentaleuropa und Lateinamerika wurde. Byzantinische Missionare — die Brüder Kyrill und Method — christianisierten die Slawen, gaben ihnen das kyrillische Alphabet und prägten von Kiew bis Belgrad, was später zur Orthodoxie wurde. Konstantinopel war über weite Strecken seiner Geschichte die größte und reichste Stadt der christlichen Welt, seine dreifache theodosianische Mauer tausend Jahre lang ungebrochen, ein Scharnier zwischen mediterraner Christenheit und Islam und Endpunkt der Seidenstraße. Das Reich schrumpfte, erholte sich unter der makedonischen Dynastie und schrumpfte erneut, nachdem die Katastrophe von Manzikert 1071 Anatolien den Türken öffnete. Die Plünderung der Stadt durch den Vierten Kreuzzug 1204 — durch Mitchristen — war die Wunde, die nie ganz verheilte: Selbst nachdem die Byzantiner Konstantinopel 1261 zurückerobert hatten, blieb ein Reststaat zurück, den die Osmanen schließlich 1453 auslöschten. Dieser Fall gilt als das kanonische Datum für das Ende des Mittelalters — und als jenes Ereignis, das griechische Gelehrte mit ihren Handschriften nach Italien trieb und so die Renaissance mit entzündete.
Das heutige Russland versteht sich ausdrücklich als das Dritte Rom — Erbe des byzantinischen Vermächtnisses nach dem Fall Konstantinopels, eine Lehre, die der Mönch Philotheus um 1510 erstmals formulierte — und Putins Regime ruft diese geopolitische Theologie auf, wann immer es passt, und stilisiert Moskau zum Verteidiger einer orthodoxen Zivilisation gegen einen dekadenten Westen. Die byzantinische Kontinuität ist auch der Grund, warum die orthodox-katholische Spaltung von 1054 ein Jahrtausend später noch ungefähr deckungsgleich mit der Bruchlinie zwischen Russland und dem Westen verläuft — sichtbar bis in die Kirchenpolitik rund um die Ukraine.