Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 148 · Folio VIII
ILL. № 148
GESCH
Plate — Der Buddhismus an der Seidenstraße

Der Buddhismus an der Seidenstraße

Eine indische Häresie wurde zur Religion des halben Asiens — zu Fuß.
Der Beitrag

Ein indischer Prinz namens Siddhartha Gautama verließ um 500 v. Chr. seinen Palast, weil er zu dem Schluss gekommen war, die Begierde sei die Wurzel des Leidens und das Leiden die Wurzel des Lebens. Was er zu predigen begann, sollte einmal Buddhismus heißen; zu seinen Lebzeiten folgten ihm ein paar tausend Menschen in der Gangesebene. Der erste mächtige Förderer trat erst zwei Jahrhunderte später auf: Kaiser Ashoka, den das Blutbad seines Kalinga-Feldzugs zum Übertritt bewog und der Gesandte bis nach Sri Lanka und in die hellenistischen Reiche im Westen schickte. Binnen fünf Jahrhunderten war die Lehre die Seidenstraße entlang bis nach Zentralasien gewandert. Im 7. Jahrhundert n. Chr. herrschte sie in China, Korea, Japan, Vietnam und dem größten Teil Südostasiens vor oder war im Kommen, während Tibet gerade erst begann und die Mongolei noch neun Jahrhunderte brauchen sollte. Zustande gekommen ist das ohne Zentrale, ohne einen Staat, der es mit dem Schwert verfügt hätte, und weitgehend ohne Gewalt — getragen von der Wanderschaft der Mönche.

Woran liegt es, dass sich ausgerechnet diese Religion so mühelos transportieren ließ? Zum einen an der Übersetzbarkeit: Ihre Kernaussagen sind Behauptungen über die Welt und hängen an keiner heiligen Landschaft, und deshalb verliert ein Sutra auf Chinesisch oder Sogdisch nichts von seiner Wahrheit. Zum anderen an den Handelswegen selbst — Kaufleute stifteten die Höhlenklöster von Dunhuang und Bamiyan als Etappenorte, und Pilger wie der chinesische Mönch Xuanzang, der zwischen 629 und 645 zu Fuß nach Indien und wieder zurück kam, brachten wagenweise Texte zum Übersetzen mit. Hinzu kam das Angebot: eine psychologische Technik — Meditation, Achtsamkeit, die systematische Analyse des Geistes —, wie sie die einheimischen Kulte nicht kannten und die sich neben Ahnenverehrung oder Daoismus übernehmen ließ, ohne dass man diese hätte aufgeben müssen. Und schließlich verstanden sich Klöster wie kaum jemand sonst auf den Aufbau von Einrichtungen über große Entfernungen: abschreiben, Schüler heranziehen, Tochterklöster gründen, die ihrerseits gründen. Als der Buddhismus im 6. Jahrhundert Japan erreichte, trug er längst griechisch-baktrische Bildformeln aus Gandhara mit sich — daher das leicht apollinische Aussehen früher Buddhastatuen —, dazu konfuzianische Moralfragen aus China und tantrische Praktiken aus dem Himalaya. Jede Weitergabe formte die Religion nach den örtlichen Verhältnissen um und bewahrte doch den Kern; auseinander gingen dabei der Theravada des Südens und der Mahayana des Nordens.

Warum jetztDass der Buddhismus im Westen wieder Einfluss gewinnt — über säkulare Achtsamkeitsprogramme in Kliniken und Schulen, über die kognitive Verhaltenstherapie und die Akzeptanzverfahren, die sich seiner Techniken bedienen, über die Neuverpackung der Meditation im Silicon Valley zum Werkzeug für Produktivität und Resilienz —, ist nur der jüngste Durchgang eines sehr alten Musters. Die Meditations-Apps der 2010er- und 2020er-Jahre streichen die Metaphysik und behalten die Methode, ganz so wie chinesische Gelehrte einst die Meditation behielten und in ihre eigene Welt einpassten. Aufgehört, sich selbst zu exportieren, hat diese Religion nie: Sie macht ihre Kernpraktiken in der Sprache jeder beliebigen Kultur lehrbar — auch in der von Neurowissenschaft und Quartalsbericht.