Die Bibliothek · Erde & KlimaTafel № 590 · Folio XII
ILL. № 590
ERDE
Plate — Biodiversität & Massenaussterben

Biodiversität & Massenaussterben

Fünf Massenaussterben zählt das Phanerozoikum, und jedes davon löschte 50–96 % der Meeresarten aus. Die heutigen Aussterberaten liegen beim 100- bis 1.000-Fachen der geologischen Hintergrundrate.
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Facetten
  • Origination minus extinction as standing balancenoch nicht geprüft
  • Latitudinal gradient and Myers's hotspotsnoch nicht geprüft
  • The Big Five and the Chicxulub asteroidnoch nicht geprüft
  • Modern rates 100–1,000× backgroundnoch nicht geprüft
Der Beitrag

1980 legten Walter Alvarez und sein Vater, der Physiker Luis Alvarez, in Science eine Messung vor: Eine dünne Tonlage bei Gubbio in Italien, genau an der Grenze zwischen Kreide und Paläogen, enthielt dreißigmal so viel Iridium, wie in der Erdkruste üblich ist. In Meteoriten dagegen kommt Iridium reichlich vor. Daraus schlossen die beiden, dass das Massenaussterben am Ende der Kreidezeit — jenes Ereignis, das vor 66 Millionen Jahren die lange Herrschaft der Dinosaurier beendete, von den Vögeln abgesehen — auf den Einschlag eines einzigen Asteroiden zurückgehe. Belächelt wurde die These reichlich. 1991 dann wurde der Chicxulub-Krater auf der Halbinsel Yucatán als Einschlagstelle bestätigt, und aus einem der umstrittensten Vorschläge der jüngeren Paläontologie war Lehrbuchwissen geworden.

Artenvielfalt ist keine Größe, die einfach da ist, sondern der Saldo zweier gegenläufiger Ströme: Neues entsteht durch Artbildung, Vorhandenes verschwindet durch Aussterben. Über das Phanerozoikum hinweg ist der Saldo allmählich gewachsen — gleichmäßig verteilt war er nie. Zum Äquator hin steigt der Artenreichtum steil an; dieser Breitengradient der Artenvielfalt gilt als das verlässlichste großökologische Muster überhaupt, und im Amazonasbecken stehen mehr Baumarten als im gesamten gemäßigten Nordamerika und Europa zusammen. Die gut drei Dutzend Hotspots der Biodiversität, ausgewiesen in der Tradition von Norman Myers — Madagaskar, die tropischen Anden, die Mata Atlântica, die Kapregion, die Karibik —, machen 2,4 Prozent der Landfläche aus und beherbergen etwa die Hälfte aller Pflanzenarten. Woran das liegen mag, ist offen; die Folge ist es nicht: Vielfalt liegt räumlich geballt, und ein gerodeter Hektar Amazonaswald kostet biologisch etwas anderes als ein Hektar europäische Weide.

Mindestens fünfmal ist dieser Haushalt in den vergangenen 540 Millionen Jahren zusammengebrochen. Das Gesteinsarchiv zeigt, wie binnen geologisch kurzer Zeit 75 bis 96 Prozent der Meeresarten verschwanden — die Big Five —, und wie es jedes Mal fünf bis zehn Millionen Jahre dauerte, bis sich wieder eine Lebewelt eingestellt hatte, die dann eine andere war als zuvor. Vor Chicxulub waren die Säugetiere nachtaktiv und spitzmausgroß; danach besetzten sie die frei gewordenen Nischen und brachten alles hervor, vom Wal bis zum Menschen. Massenaussterben sind keine Rückschläge, sie sind Systemwechsel. Heute liegen die Aussterberaten vorsichtig geschätzt beim Hundert- bis Tausendfachen der geologischen Hintergrundrate; hochgerechnet erreichte der Verlust der nächsten Jahrhunderte die Größenordnung eines Massenaussterbens, nur auf drastisch verkürzter Zeitskala. Ob damit ein sechstes bereits begonnen hat, ist die Frage, um die alles kreist.

Warum jetztAuf der COP15 in Montreal einigte man sich im Dezember 2022 auf das 30×30-Ziel: 30 Prozent der Land- und Meeresfläche bis 2030 unter Schutz. Das ist die politische Wette darauf, dass sich der Kurs noch ändern lässt; je näher die Frist rückt, desto ungleichmäßiger sieht die Umsetzung aus. Das Globale Assessment des IPBES nannte 2019 bis zu einer Million bedrohter Arten für die kommenden Jahrzehnte — eine Zahl, die auf Hochrechnungen von dem kleinen Teil des Lebendigen beruht, der überhaupt beschrieben ist. Sicher belegen lässt sich derzeit die Richtung, nicht die Größenordnung. Schwer zu bestreiten ist dagegen die Hebelwirkung des Raums: Die meisten Arten leben in wenigen Biomen, und wie im Amazonas, im Kongobecken, auf Borneo und im brasilianischen Cerrado mit dem Land umgegangen wird, entscheidet überproportional darüber, wie es ausgeht.