Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 298 · Folio VIII
ILL. № 298
GESCH
Plate — Bandung und die Blockfreiheit

Bandung und die Blockfreiheit

1955: Der Globale Süden meldete sich als dritter Block — und die Supermächte mussten verhandeln.
Der Beitrag

Im April 1955 schickten neunundzwanzig afrikanische und asiatische Staaten Vertreter in die indonesische Stadt Bandung, zu einer Konferenz, auf deren Gästeliste keine Supermacht stand. Nehru, Zhou Enlai, Sukarno, Nasser und Dutzende im westlichen Kanon längst verblasste Gestalten tagten eine Woche lang — zusammen sprachen sie für weit mehr als die Hälfte der Menschheit — und erklärten vor allem, was sie nicht waren: nicht mit einem der beiden Blöcke verbündet, nicht als Stellvertreter zu haben, nicht bereit hinzunehmen, dass Washington und Moskau die Möglichkeiten der Welt bereits ausgeschöpft hätten. Am Ende stand eine Zehn-Punkte-Erklärung über friedliche Koexistenz und die souveräne Gleichheit der Staaten. Für Länder, die dem Imperium eben erst entkommen waren, lag die Botschaft schon darin, sich zu eigenen Bedingungen zu treffen. Die Länder von Bandung meldeten keinen dritten Block an; sie weigerten sich, in den beiden vorhandenen aufzugehen. Der Kalte Krieg musste Platz machen.

Der Konsens von Bandung legte das Fundament für die Bewegung der Blockfreien, die 1961 in Belgrad unter Tito, Nehru, Nasser, Sukarno und Nkrumah förmlich entstand. Sie war weniger eine geschlossene Politik als eine Haltung: Man konnte mit beiden Blöcken handeln, von beiden Hilfe nehmen und sich mit keinem verbünden. In der Praxis neigte die Blockfreiheit ins Antikoloniale — Nehrus Indien nahm sowjetische Stahlwerke, Nassers Ägypten sowjetische Waffen, Titos Jugoslawien amerikanische Hilfe, während es Washington beschimpfte —, doch die formale Doktrin der Unabhängigkeit hielt die Bewegung drei Jahrzehnte lang arbeitsfähig. Institutionell kam Handfestes dabei heraus: Die Entkolonialisierung landete auf der Tagesordnung der UN, die Erklärung von 1960 über die Gewährung der Unabhängigkeit an koloniale Länder ging mit auf ihr Konto, und die Rohstoffkartelle, die die Weltmärkte bald umbauen sollten, gewannen Legitimität — die OPEC, 1960 gegründet, war ein Kind desselben antikolonialen Moments, ebenso die Forderung der 1970er-Jahre nach einer Neuen Weltwirtschaftsordnung. Beide Supermächte mussten nun Staaten umwerben und ihnen etwas bieten, die sie sonst übersehen hätten. Ebenso handfest waren die Grenzen: Die Solidarität von Bandung zerbrach, sobald ursprüngliche Teilnehmer aufeinander losgingen — China, später nur Beobachter statt Mitglied der Bewegung, führte 1962 Krieg gegen Indien —, und als der Kalte Krieg 1991 endete, verlor die Bewegung ihren Angelpunkt und wurde zu einem Kürzel auf der Suche nach einer Strategie.

Warum jetztDer heutige Globale Süden — der rhetorische Erbe Bandungs, heute ebenso über die BRICS und die G77 organisiert — verfügt über weit mehr Reichtum und Hebel als das Original von 1955. Wie er sich zur Ukraine stellt — häufig verurteilt er den Einmarsch, verweigert aber Sanktionen und die westliche Deutung —, zu Gaza (meist Verurteilung Israels) und zur Klimawende (die reiche Welt soll für den Schaden zahlen, den sie angerichtet hat), ist der Bandung-Reflex, aktualisiert für einen multipolaren Moment. Ob daraus etwas Handlungsfähiges wird — ein echter dritter Pol mit eigenen Institutionen und Währungsabsprachen — oder ein loser Abstimmungsblock bleibt, den die Großmächte Thema für Thema umwerben, zählt zu den wichtigeren Fragen des Jahrzehnts.