Bandung und die Blockfreiheit
Im April 1955 schickten neunundzwanzig afrikanische und asiatische Staaten Vertreter in die indonesische Stadt Bandung, zu einer Konferenz, auf deren Gästeliste keine Supermacht stand. Nehru, Zhou Enlai, Sukarno, Nasser und Dutzende im westlichen Kanon längst verblasste Gestalten tagten eine Woche lang — zusammen sprachen sie für weit mehr als die Hälfte der Menschheit — und erklärten vor allem, was sie nicht waren: nicht mit einem der beiden Blöcke verbündet, nicht als Stellvertreter zu haben, nicht bereit hinzunehmen, dass Washington und Moskau die Möglichkeiten der Welt bereits ausgeschöpft hätten. Am Ende stand eine Zehn-Punkte-Erklärung über friedliche Koexistenz und die souveräne Gleichheit der Staaten. Für Länder, die dem Imperium eben erst entkommen waren, lag die Botschaft schon darin, sich zu eigenen Bedingungen zu treffen. Die Länder von Bandung meldeten keinen dritten Block an; sie weigerten sich, in den beiden vorhandenen aufzugehen. Der Kalte Krieg musste Platz machen.
Der Konsens von Bandung legte das Fundament für die Bewegung der Blockfreien, die 1961 in Belgrad unter Tito, Nehru, Nasser, Sukarno und Nkrumah förmlich entstand. Sie war weniger eine geschlossene Politik als eine Haltung: Man konnte mit beiden Blöcken handeln, von beiden Hilfe nehmen und sich mit keinem verbünden. In der Praxis neigte die Blockfreiheit ins Antikoloniale — Nehrus Indien nahm sowjetische Stahlwerke, Nassers Ägypten sowjetische Waffen, Titos Jugoslawien amerikanische Hilfe, während es Washington beschimpfte —, doch die formale Doktrin der Unabhängigkeit hielt die Bewegung drei Jahrzehnte lang arbeitsfähig. Institutionell kam Handfestes dabei heraus: Die Entkolonialisierung landete auf der Tagesordnung der UN, die Erklärung von 1960 über die Gewährung der Unabhängigkeit an koloniale Länder ging mit auf ihr Konto, und die Rohstoffkartelle, die die Weltmärkte bald umbauen sollten, gewannen Legitimität — die OPEC, 1960 gegründet, war ein Kind desselben antikolonialen Moments, ebenso die Forderung der 1970er-Jahre nach einer Neuen Weltwirtschaftsordnung. Beide Supermächte mussten nun Staaten umwerben und ihnen etwas bieten, die sie sonst übersehen hätten. Ebenso handfest waren die Grenzen: Die Solidarität von Bandung zerbrach, sobald ursprüngliche Teilnehmer aufeinander losgingen — China, später nur Beobachter statt Mitglied der Bewegung, führte 1962 Krieg gegen Indien —, und als der Kalte Krieg 1991 endete, verlor die Bewegung ihren Angelpunkt und wurde zu einem Kürzel auf der Suche nach einer Strategie.