Attische Demokratie
demokratia — Herrschaft des Demos, des einfachen Volkes — war über den größten Teil der Geschichte hinweg ein Schimpfwort. Aristokraten malten damit aus, was geschähe, wenn ihre Sklaven und Bauern je an die Hebel der Stadt kämen: Pöbelherrschaft, Enteignung, das Ende alles Anständigen. In Athen wurde dieser Albtraum zwischen etwa 508 und 322 v. Chr. mit vollem Bewusstsein gebaut. Die Reformen des Kleisthenes lösten die alten, nach Abstammung geordneten Phylen auf und teilten die Bürgerschaft in künstlich zusammengesetzte Bezirke neu ein, damit kein Adelsgeschlecht mehr die Stadt beherrschen konnte. Rund vierzigtausend erwachsene Bürger — Männer — waren zur Ekklesia auf dem Pnyx zugelassen; sechstausend auf einmal hoben dort die Hand und entschieden über Außenpolitik, Kapitalprozesse und den Getreidepreis. Die meisten Ämter wurden nicht gewählt, sondern im Losverfahren besetzt: Jeder halbwegs anständige Bürger, so die kühne Annahme, könne das ein Jahr lang versehen — und die Wahl bevorzuge ohnehin nur die Reichen und die Bekannten.
Nach heutigen Maßstäben war diese Demokratie von brutaler Enge. Frauen, ansässige Fremde und Sklaven blieben draußen, und die Versklavten stellten einen großen Teil der Bevölkerung — nach manchen Schätzungen ein Drittel und mehr. Ihre Arbeit war es, die den Bürgern die Tage für die Politik freihielt. Laut ging es zu, teuer war es auch, Demagogen wie Kleon lenkten die Versammlung nach Belieben, und zu Ungeheuerlichem war sie ebenfalls fähig: 406 v. Chr. ließ sie ihre eigenen siegreichen Feldherren nach der Schlacht bei den Arginusen hinrichten, 399 verurteilte sie Sokrates. Zweimal, 411 und 404, schaffte sie sich unter oligarchischen Umstürzen selbst ab — und beide Male holte sie die Demokratie zurück. Trotzdem brachte dieses ruhelose Gebilde zwei Jahrhunderte lang pro Kopf mehr Philosophie, Theater, Mathematik und politische Erfindung hervor als jede Gemeinschaft davor und danach. Die Frage, die die Athener der Nachwelt hinterlassen haben, ist bis heute nicht entschieden: Regieren gewöhnliche Menschen sich selbst besser, als Fachleute es könnten, wenn man ihnen gute Information und Zeit zum Abwägen gibt? Madison verneinte und baute eine Mechanik, die den Volkswillen filtert. Jefferson bejahte. Der Streit läuft weiter — in jeder Debatte über Volksabstimmungen, Geschworene und Bürgerräte.