Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 130 · Folio VIII
ILL. № 130
GESCH
Plate — Attische Demokratie

Attische Demokratie

Erfunden wurde die Selbstherrschaft für vierzigtausend Bürger — und den meisten Menschen, die in derselben Stadt lebten, verweigert.
Der Beitrag

demokratia — Herrschaft des Demos, des einfachen Volkes — war über den größten Teil der Geschichte hinweg ein Schimpfwort. Aristokraten malten damit aus, was geschähe, wenn ihre Sklaven und Bauern je an die Hebel der Stadt kämen: Pöbelherrschaft, Enteignung, das Ende alles Anständigen. In Athen wurde dieser Albtraum zwischen etwa 508 und 322 v. Chr. mit vollem Bewusstsein gebaut. Die Reformen des Kleisthenes lösten die alten, nach Abstammung geordneten Phylen auf und teilten die Bürgerschaft in künstlich zusammengesetzte Bezirke neu ein, damit kein Adelsgeschlecht mehr die Stadt beherrschen konnte. Rund vierzigtausend erwachsene Bürger — Männer — waren zur Ekklesia auf dem Pnyx zugelassen; sechstausend auf einmal hoben dort die Hand und entschieden über Außenpolitik, Kapitalprozesse und den Getreidepreis. Die meisten Ämter wurden nicht gewählt, sondern im Losverfahren besetzt: Jeder halbwegs anständige Bürger, so die kühne Annahme, könne das ein Jahr lang versehen — und die Wahl bevorzuge ohnehin nur die Reichen und die Bekannten.

Nach heutigen Maßstäben war diese Demokratie von brutaler Enge. Frauen, ansässige Fremde und Sklaven blieben draußen, und die Versklavten stellten einen großen Teil der Bevölkerung — nach manchen Schätzungen ein Drittel und mehr. Ihre Arbeit war es, die den Bürgern die Tage für die Politik freihielt. Laut ging es zu, teuer war es auch, Demagogen wie Kleon lenkten die Versammlung nach Belieben, und zu Ungeheuerlichem war sie ebenfalls fähig: 406 v. Chr. ließ sie ihre eigenen siegreichen Feldherren nach der Schlacht bei den Arginusen hinrichten, 399 verurteilte sie Sokrates. Zweimal, 411 und 404, schaffte sie sich unter oligarchischen Umstürzen selbst ab — und beide Male holte sie die Demokratie zurück. Trotzdem brachte dieses ruhelose Gebilde zwei Jahrhunderte lang pro Kopf mehr Philosophie, Theater, Mathematik und politische Erfindung hervor als jede Gemeinschaft davor und danach. Die Frage, die die Athener der Nachwelt hinterlassen haben, ist bis heute nicht entschieden: Regieren gewöhnliche Menschen sich selbst besser, als Fachleute es könnten, wenn man ihnen gute Information und Zeit zum Abwägen gibt? Madison verneinte und baute eine Mechanik, die den Volkswillen filtert. Jefferson bejahte. Der Streit läuft weiter — in jeder Debatte über Volksabstimmungen, Geschworene und Bürgerräte.

Warum jetztJede heutige Demokratie ist ein Kompromiss nach Madisons Zuschnitt: Vertretung statt unmittelbarer Herrschaft, gewählte Fachleute statt Losurnen, Rechte, die gegen wechselnde Mehrheiten geschützt sind. Diese Filter sind gewolltes Misstrauen gegen das athenische Vorbild. Ob sie den Demos selbst ausgehöhlt haben — ob Bürger Politik heute als etwas erleben, das ferne Berufspolitiker an ihnen vollziehen, und nicht mehr als etwas, das sie selbst betreiben —, ist die offene Wunde der Gegenwart. Dass seit den 2010er-Jahren ausgeloste Bürgerräte wieder Konjunktur haben, vom irischen Konvent zum Abtreibungsrecht 2016–18 bis zum französischen Klimarat 2019/20, läuft im Kern darauf hinaus, das athenische Los wieder in die Maschine zu schmuggeln.