ASEAN und die Afrikanische Union
Der Verband Südostasiatischer Nationen — ASEAN, 1967 gegründet, seit dem Beitritt Timor-Lestes 2025 elf Mitglieder — und die Afrikanische Union, 2002 als Nachfolgerin der Organisation für Afrikanische Einheit gegründet und über den ganzen Kontinent gespannt, sind die ehrgeizigsten regionalen Organisationen des Globalen Südens der Nachkriegszeit. An die Integration der EU reicht keine heran: Eine gemeinsame Währung gibt es nicht, und nur die AU besitzt einen überstaatlichen Menschenrechtsgerichtshof, dessen Reichweite begrenzt ist und dessen Urteile ungleich befolgt werden. Und doch ist aus beiden mehr geworden als bloße Redeklubs. Die ASEAN-Staaten erwirtschaften zusammen über 4 Billionen Dollar und liegen damit weiter knapp vor Indien. Die AU hat Friedensmissionen beschlossen, Mitglieder nach Putschen suspendiert und 2018 mit der AfCFTA eine der größten Freihandelszonen der Welt aufgespannt, über 1,4 Milliarden Menschen. Bescheiden im Mandat, gewaltig in der Tragweite.
Beide bearbeiten dasselbe Problem — regionale Zusammenarbeit zwischen Staaten von sehr unterschiedlicher Größe, Verfassung und Geschichte — auf verschiedenen Wegen. Die ASEAN folgt dem Konsensprinzip: Jedes Mitglied hat ein Veto, Entscheidungen wachsen aus langen informellen Beratungen statt aus Mehrheiten, und die Organisation hütet sich davor, sich in die inneren Angelegenheiten ihrer Mitglieder einzumischen. Diese ASEAN Way, entstanden unter Staaten, die eben erst dem Kolonialismus entkommen waren und jedem neuen Oberherrn misstrauten, gilt manchen als zahnlos — beim Putsch in Myanmar 2021, beim Völkermord an den Rohingya und bei Chinas Ansprüchen im Südchinesischen Meer versagte sie vollständig — und anderen als Erfolg, weil sie große zwischenstaatliche Kriege in einer zerstrittenen Region mit tiefen alten Feindschaften selten gemacht hat. Trotzdem stießen thailändische und kambodschanische Truppen schon 2008 bis 2011 mehrfach zusammen und kämpften 2025 erheblich heftiger. Die AU ist auf dem Papier eingriffsbereiter: Artikel 4(h) ihres Gründungsakts erlaubt die militärische Intervention gegen Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit — ein auffälliger Bruch mit der absoluten Souveränität, die der OAU unantastbar galt. In der Praxis ist sie durch Geld, Kapazität und die Politik ihrer Mitglieder gebremst. Die Mitgliedstaaten tragen heute einen größeren Teil des Kernhaushalts, doch große Friedenseinsätze wie in Somalia hängen weiter stark an Mitteln von UN und EU. Der tiefere Gegensatz: Die ASEAN schützt die Souveränität, die AU schränkt sie im Grundsatz ein — und doch greifen beide zum selben Reflex, der Nichteinmischung, sobald eine Krise verlangte, ein Mitglied zur Rede zu stellen. Trotzdem sind beide zu Foren geworden, in denen sich der Globale Süden abstimmt, bei Klima, Handel, Schulden und Souveränität, also dort, wo die älteren westlich geführten Institutionen schlecht gearbeitet haben; 2023 bekam die AU einen ständigen Sitz in der G20, eine Anerkennung demografischen und diplomatischen Gewichts, das kein einzelner afrikanischer Staat je hätte beanspruchen können.