Alexander und der Hellenismus
Alexander III. von Makedonien wurde 336 v. Chr. mit zwanzig König, weil sein Vater Philipp ermordet wurde — der hatte Makedonien zuvor zum tödlichsten Heer der griechischen Welt gedrillt. Mit zweiunddreißig starb Alexander in Babylon; erobert hatte er bis dahin ein Reich von der Adria bis zum Indus. Alexander gewann seine großen Feldschlachten am Granikos, bei Issos und Gaugamela sowie am Hydaspes. Antike Angaben, er habe dabei stets die größere Streitmacht besiegt, sind überhöht oder unsicher; sein Heer erlitt dennoch schwere Verluste, traf auf hartnäckigen Widerstand und zog schließlich aus Indien ab. Er gründete an die siebzig Städte, an die zwanzig davon nach ihm selbst Alexandria genannt. Er starb am Fieber, vielleicht auch an Gift, ohne Nachfolgeregelung und mit einem Säugling als Erben; seine Generäle, die Diadochen, zerschnitten das Reich in verfeindete Königreiche und bekriegten einander vierzig Jahre lang. Die Eroberung selbst hat ihn nicht überdauert. Etwas anderes schon.
Was Alexander dauerhaft eingerichtet hat, ist die griechische Sprache als Arbeitsmedium von Verwaltung, Handel und Hochkultur, von Ägypten bis Baktrien. Getragen hat sie nicht die Besiedlung, sondern die Infrastruktur: Jedes Alexandria war eine Garnisonskolonie griechischer und makedonischer Veteranen, ein Knotenpunkt aus Sprache, Münze und Gymnasion, in den sich ehrgeizige Einheimische einkauften. Die Königreiche der Generäle — die Ptolemäer in Ägypten, die Seleukiden in Asien, die Antigoniden in Makedonien — wetteiferten nicht nur im Krieg, sondern im Mäzenatentum, und dieser Wettbewerb bezahlte die Wissenschaft. Drei Jahrhunderte lang, im Hellenismus, konnte ein Gebildeter von Marseille bis Kabul dieselben Bücher lesen, an den großen Bibliotheken von Alexandria oder Pergamon arbeiten, erkennbar verwandte Götter verehren und mit derselben Münze bezahlen. Das Koine-Griechisch blieb tausend Jahre lang die Verkehrssprache des östlichen Mittelmeers; in ihm ist das Neue Testament geschrieben, und nur deshalb kam die Lehre eines galiläischen Zimmermanns überhaupt bis Rom. In Afghanistan gaben die griechisch-buddhistischen Bildhauer Gandharas dem Buddha sein erstes menschliches Gesicht, gehüllt in die Falten eines griechischen Himation. Aus dem Zusammentreffen griechischen Denkens mit ägyptischer, babylonischer, persischer und indischer Überlieferung kamen die Geometrie Euklids, die Mechanik des Archimedes, die Erdmessung des Eratosthenes und die Astronomie, die später Ptolemäus zusammentrug — der geistige Untergrund der Spätantike und, über die arabischen Übersetzungen im Bagdader Haus der Weisheit, jener mittelalterlichen Wiederbelebung, die nach Europa zurückschlug. Die Eroberung öffnete den Kanal; hindurch floss Wissen.