Neolithische Revolution
Vor etwa zwölftausend Jahren begannen Menschen an einer Handvoll Orten auszusäen, was sie bis dahin nur eingesammelt hatten: im Fruchtbaren Halbmond der Levante, im Yangtze-Tal, im Hochland Neuguineas, in den Flussniederungen Mesoamerikas. Wenige Jahrtausende später gab es kaum noch ein fruchtbares Tal auf der Erde ohne bäuerliche Kultur. Dafür steht seit jeher ein Wort: Fortschritt — Beginn der Zivilisation, Ende eines rohen Lebens von der Hand in den Mund. Die Knochen erzählen etwas anderes. Wer in den ersten Bauerndörfern bestattet wurde, war kleiner, kränker und stärker abgearbeitet als die Jäger und Sammler, an deren Stelle er getreten war: Karies im Gebiss, Blutarmut, dazu die Wirbelschäden, die das stundenlange Mahlen von Getreide auf den Knien hinterlässt.
Wieso hat sich der Ackerbau dann durchgesetzt, wenn er den Einzelnen schlechter dastehen ließ? Weil er demografisch rücksichtslos war. Eine Sammlerin musste ihr Kind tragen, bis es mit der Gruppe mithalten konnte, und kam so nur alle drei bis vier Jahre zu einem weiteren. Eine sesshafte Bauernfamilie fütterte ihre Säuglinge mit Getreidebrei und konnte die Geburten enger legen: fünf Kinder, wo die Sammlerin zwei großzog. Nach wenigen Generationen waren die Ackerbauern ihren gesünderen Nachbarn schlicht zahlenmäßig überlegen und drängten sie von den guten Böden ab, in Wüsten und Wälder, wohin der Ackerbau nicht folgen konnte. Der Tausch hatte allerdings sein Kleingedrucktes. Ein Feld lässt sich nicht wegtragen, aber wegnehmen — es zieht Plünderer an, dann Mauern, dann Heere. Ein Getreidevorrat lässt sich zählen und lagern — er zieht Könige und Schreiber an, die ihn besteuern und zuteilen. Und Menschen, die dicht beieinander neben ihrem Vieh und ihren Abfällen leben, brüten jene Zoonosen aus, die Sammler nie kennengelernt haben: Pocken, Masern, Grippe. Auch die Kost war eine Falle. Wer Dutzende Wildarten aß, verkraftete es, wenn eine davon ausblieb; wer sein Überleben an ein einziges Getreide hängte, dem bedeutete eine Missernte Hungersnot und nicht bloß eine magere Saison. Weil eingelagertes Getreide sich horten ließ, wurde es zum ersten verlässlichen Motor der Ungleichheit — Reichtum bündelt sich, und die Macht folgt ihm nach. Wer als Erster ein Korn in die Erde legte, wusste nicht, dass er einen Vertrag unterschrieb, der seine Nachkommen auf Steuern, Hierarchie, Seuchen, Hunger und Patriarchat verpflichtete. Auch der Weizen, ließe sich sagen, hat hier mitgehandelt.